Hochmütige Frau trifft auf Draufgänger

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 Ein wahrer Walkürenritt: Charlie Alnutt (Marco Ricciardo, links) und Rose Sayer (Ana Schlaegel, rechts) tosen mit der African Q
Ein wahrer Walkürenritt: Charlie Alnutt (Marco Ricciardo, links) und Rose Sayer (Ana Schlaegel, rechts) tosen mit der African Queen über die Stromschnellen. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Ravensburg - Hier kommt die „African Queen“. Kamelrittartig schaukelte sich das Dampfschiff mit Ana Schlaegel im Bug und Marco Ricciardo im Heck in den Innenhof des Theater Ravensburg. Am Donnerstagabend feierte das Open Air-Spektakel eine umjubelte Premiere. Zwei Stunden bot das Paar zusammen mit Schauspieler Tobias Bernhardt und Hennes Holz an der Perkussion ein emotional und darstellerisch mitreißendes Spiel, das die Zeit im Nu vergehen ließ. So gebannt gaben sich die Zuschauer, die von beiden Seiten die Geschichte der African Queen miterlebten.

„Jetzt haben Sie noch die Möglichkeit, die Ufer zu wechseln. Und schauen Sie auch nach, ob sich nicht Krokodile unter Ihren Sitzen befinden!“, scherzte Tobias Bernhardt. Zuvor verteilten er und Ana Schlaegel Blätter mit dem Liedtext „Leaning on the Everlasting Arms“, denn schließlich beginnt das Stück mit einem Gottesdienst. Schlaegel mit ernstem Blick im tropenuntauglichen Kostüm und akkurater Hochsteckfrisur (Kostüme Mechthild Scheinpflug) ganz der gestrengen Damenmode um 1900 verhaftet, weist noch darauf hin, dass es von Vorteil wäre, Noten lesen zu können. Das Ensemble unter Leitung von Regisseur Karsten Engelhardt und Assistentin Hannah Rech versteht es von Anfang an, die Zuschauer teilhaben zu lassen ohne dick aufzutragen. „Liebe Eingeborene, bitte alle mal den Taufschein zeigen!“, fordert Bernhardt zur Kartenkontrolle auf. Oder die Sache, wohin mit dem Anker, wenn das Schiff anlegt: „Sie sehen kräftig aus“ und schon ist das sperrige Gerät bei einem bärtigen Herrn gut aufgehoben.

Schlaegel mimt Rose Sayer und das mit einer solchen Beherztheit, dass es einem bisweilen den Atem nimmt. Wenn sie zu Beginn die distinguierte Engländerin vorgibt, deren Reserviertheit aber in Anbetracht der Ereignisse zu Kriegsbeginn 1914 eine sagenhafte Wandelung durchmacht. Sie am Anfang der selbstmörderischen Fahrt auf dem Ulanga-Fluss noch hochmütig und sonnenbeschirmt im Bug thront, während Ricciardo als draufgängerischer, mit allen Wassern gewaschener Kapitän Charlie Alnutt das Ruder hält. Hier prallen zwei Charaktere verschiedener sozialer Prägungen in einer schier ausweglos scheinenden Situation aufeinander. Gefangen auf einem alten Dampfboot hat sich Rose vor lauter Nationalstolz dazu verstiegen, das deutsche Kanonenboot „Louisa“ zu torpedieren zu wollen. Nichts leichter als das, haben sie doch kistenweise Sprenggelatine an Bord. Genau das führt zu handfesten Reibereien zwischen den beiden.

Szenenwechsel. Spielstätte ist eine kleine Siedlung nahe Limbasa in Deutsch-Ostafrika. Hier tritt Bernhardt als Pfarrer Samuel Sayer und Bruder von Missionarin Rose auf der rückwärtig gelegenen Bühne auf. Zusammen zelebrieren sie eine gepflegte Teestunde, in die Charlie hineinplatzt. Für einen Moment ist ihre Welt noch intakt. Hennes Holz vertont Charlies „Kegelbahn im Bauch“, wenn er sich ein Stück Kuchen nach dem anderen einverleibt. Bis Samuel klar wird, dass sie sich auf feindlichen Gebiet befinden. Es ist Bernhardts Esprit mit dieser Prise untergründigem Witz, das seine Figur zu einer Art Stellschraube in dem Stück macht. Er übernimmt den Erzählpart, aber wohl dosiert. Er bringt die African Queen in Turbulenzen, sobald Rose und Charlie die Stromschnellen auf sich zukommen sehen. Das sind rasante und wild bewegte Szenen, die täuschend echt inszeniert sind. Applaus für diesen Walkürenritt.

Dschungel hat Paar fest im Griff

Geht die erste Partie noch recht wohlgeordnet aus, treten Rose und Charlie nach der Pause in abgerissener Kleidung und sichtlich mitgenommen zur zweiten Runde an. Der Dschungel hat sie fest im Griff. Tarnnetze, durch die gelbes Licht scheint, überziehen das Schiff. Zusammen mit den Hitzetemperaturen geriet diese Premiere gefühlt noch echter. Holz und Bernhardt inszenieren eine tropische Geräuschkulisse, während die African Queen im Fluss feststeckt. Mittlerweile ist aus Rose und Charlie quasi aus der Not heraus ein Liebespaar geworden, das nach zermürbender wochenlanger Fahrt auf dem See ankommt und Kurs auf die „Louisa“ nimmt.

Engelhardts Inszenierung versteht sich auf die emotionalen Wechselbäder aus überbordender Hoffnung und tiefer Resignation. Dazwischen rütteln seine „komischen Nummern“ auf, denn Bernhardt, nunmehr als deutscher Kommandant, steigt kurzerhand in die Badewanne und schwenkt das Buddelschipp durch die Luft. Ende gut, alles gut bis zur letzten Spielminute halten die Zuschauer den Atem an.

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