Hitzfeld wird 60: Ohne Bayern mehr Lebensqualität

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Deutsche Presse-Agentur

Wenn Ottmar Hitzfeld noch Trainer beim FC Bayern München wäre, dann hätte er auch an seinem runden Geburtstag mal wieder fernab der Heimat in einem Trainingslager darauf anstoßen müssen: Am 12. Januar wird der „General“ 60.

Diesen Tag wird der Erfolgscoach mit seiner Ehefrau Beatrix auf einer Fernreise genießen, ohne Rummel und ausnahmsweise auch ohne Fußball. „Als Nationaltrainer habe ich mehr Lebensqualität“, bekannte Hitzfeld - den Wechsel vom stressigen Alltag eines Vereinstrainers ins etwas gemütlichere Amt des Schweizer Nationalcoaches hat der Jubilar keine Sekunde bereut.

Weniger Spiele, mehr Freizeit - Hitzfeld hat sich in seinem „neuen“ Leben hervorragend eingerichtet. „Er schaut wieder aus wie 55, seit er nicht mehr bei Bayern arbeitet“, scherzte Bayern-Manager Uli Hoeneß im Trainingslager des FC Bayern in Dubai: „Das tut ihm unheimlich gut, wie ich höre. Er reist ja hin und her, schaut Fußballspiele an, spielt Golf, fährt Ski - er scheint ein gutes Leben zu haben“, sagte Hoeneß über den langjährigen Weggefährten, mit dem er früher im Hotel abends so gerne bei einem Glas Rotwein über Gott und die Welt philosophierte. „Der Kontakt ist sehr gut“, so Hoeneß. Erst am 5. Januaar hatte Hitzfeld ihm zum 57. Geburtstag gratuliert.

Der unvergessliche zweite Abschied vom FC Bayern im Mai 2008, als der kühle Analytiker, aber sensible Mensch Hitzfeld beim gemeinsamen „Servus“ mit Oliver Kahn mit seinen Tränen der Rührung auch Nicht-Bayern-Fans emotional berührte, kam genau zum richtigen Zeitpunkt. „Das waren Tränen des Glücks“, kommentierte der Umjubelte damals.

Es war zugleich der Beginn eines Abschieds auf Raten. Das vorerst bis 2010 fixierte Arbeitsverhältnis mit dem Schweizer Verband soll die letzte Trainerstation sein. „Ich gehe davon aus, dass das mein letzter Trainerjob ist“, erklärte Hitzfeld vor Weihnachten in einem „kicker“-Interview. Denn eines liegt dem Asketen Hitzfeld, dem die Leiden des Trainer-Daseins in Krisenzeiten stets am fahlen Gesicht anzusehen waren, am Herzen: „Ich möchte gesund aufhören.“

Ganz ohne Fußball kommt Hitzfeld nicht aus. „Fußball ist mein Leben, meine Leidenschaft, ich habe ihm viel zu verdanken.“ Ruhm, Ansehen, Freundschaften, 25 Titel als Trainer - und Geld. Der mehrfache Millionär genießt auch diese Unabhängigkeit. Werbepartner, Fernseh-Experte bei „Premiere“, Vorträge, der Terminkalender ist weiterhin gut gefüllt - neben den 10 bis 15 Länderspielen im Jahr.

Hungrig nach Siegen ist Hitzfeld auch als „Sechziger“ noch. Die Schweiz, seine zweite Heimat, will der am 12. Januar 1949 in Lörrach an der deutsch-schweizerischen Grenze aufgewachsene Ex-Profi, der einst Mathematik und Sport für das Lehramt studierte, zur WM führen. „Ich wäre nicht Nationaltrainer von England oder Österreich geworden. Ich identifiziere mich sehr stark mit der Schweiz“, sagte Hitzfeld, der ausgezeichnet Schwyzerdütsch spricht.

Den vielleicht letzten großen sportlichen Traum zu realisieren, ist alles andere als einfach. Die Schweiz liegt in der Gruppe 2 mit sieben Punkten auf Platz drei hinter Otto Rehhagels Griechen (9) und Israel (8) - nur der Erste löst direkt das WM-Ticket. Die peinliche 1:2-Heimniederlage gegen Luxemburg kratzte auch an Hitzfelds Ruf. Er spürte „die Ohnmacht des Nationaltrainers“, der nach Länderspielen meist wochenlang mit Niederlagen leben muss, die er nicht wie früher als Vereinstrainer schon Tage später wieder korrigieren kann. „An einer WM teilzunehmen, ist ein Traum, den ich mir erfüllen will.“

Südafrika 2010 wäre die Krönung für einen Trainer, der als Profi unter anderem von 1975 bis 1978 für den VfB Stuttgart spielte und 1972 bei den Olympischen Spielen in München für Deutschland mit Uli Hoeneß zusammenspielte. 1983 startete er beim SC Zug in der Schweiz seine einzigartige Trainer-Laufbahn, „ein verrückter Präsident“ hätte ihn damals fast zur Verzweiflung getrieben. Seine größte Kunst war wohl der Umgang mit Stars wie Matthias Sammer, Stefan Effenberg oder Oliver Kahn, dem deutschen Fußball bescherte er 1997 mit Borussia Dortmund und 2001 mit den Bayern die einzigen zwei Champions-League- Triumphe. „Ottmar, Du bist fast perfekt!“, lobte ihn „Kaiser“ Franz Beckenbauer im vergangenen Jahr bei der Verabschiedung aus München.

Wer weiß, ob Jürgen Klinsmann heute Bayern-Trainer wäre, wenn Hitzfeld nach dem Rücktritt von Rudi Völler nach dem EM-Debakel der deutschen Nationalmannschaft 2004 dem DFB zugesagt hätte und statt des Weltmeisters von 1990 Bundestrainer geworden wäre. Doch damals fühlte sich der Wunschkandidat aller Deutschen „ausgebrannt“ nach sechs kräftezehrenden Jahren in München. „Ein Jahr FC Bayern ist wie zehn Jahre ein anderer Bundesliga-Club“, sagte Hitzfeld einmal. Er weiß also schon genau, wie sich 60 Jahre anfühlen.

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