Historiker fordert mehr äußere und innere Sicherheit

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Der Historiker Michael Wolffsohn.
Der Historiker Michael Wolffsohn. (Foto: Daniel Drescher)
Schwäbische Zeitung

Eigentlich soll sich der Workshop um internationale Konflikte drehen, trotzdem geht Historiker Michael  Wolffsohn zunächst auf den Anschlag in Halle ein, bei dem zwei Menschen am Mittwoch ihr Leben verloren haben. Der Attentäter filmte seine Tat, veröffentlichte ein antisemitisches Manifest. „Kein Weltkonflikt scheinbar“, sagte Wolffsohn. „Aber wenn man es weiter interpretiert, dann doch.“

Deutschlands und Europas Juden seien qualifizierte Arbeitskräfte, Stützen in Wirtschaft und Gesellschaft, deutsche Staatsbürger. „Wer Juden vertreibt oder verfolgt, handelt nicht nur unmoralisch, sondern auch dumm“, sagte der Historiker.

Für mehr Sicherheit sorgen

In seinem Vortrag forderte er mehr äußere und innere Sicherheit: Das heiße konkret, nicht nur darüber zu reden, sondern für diese auch künftig besser zu sorgen: „Der BDS Beschluss muss besser umgesetzt werden.“ Er wirft mehreren Politikern vor, darunter CDU und SPD, den Beschluss, mit dem Antisemitismus bekämpft werden soll, zu boykottieren. Spätestens nach den Geschehnissen in Halle müsse sich das ändern.

Auch die äußere Sicherheit sei sträflich vernachlässigt worden, die Verantwortung tragen neben der Politik auch Justiz, Medien und die pazifistische Grundstimmung der deutschen Gesellschaft, sagte der Historiker. Betroffenheitsrituale oder moralische Appelle würden nicht ausreichen. Den Besuch einer Synagoge der Kanzlerin nach dem Verbrechen von Halle begrüßte Wolffsohn zwar, aber: „Wir wollen und wir werden nicht in Schönheit sterben.“

Polizeischutz für jeden Bürger

Es müsse mehr geschehen: Er fordert, den Polizeischutz auszubauen, nicht nur für Juden sondern für jeden Bürger.

Bei den großen Konflikten dieser Welt reicht es ebenfalls nicht aus, nur zuzuschauen und zu protestieren, spannt Wolffsohn den Bogen. „Strategien um Konflikte zu lösen, kann man lernen“, sagt Wolffsohn. Man müsse nur wollen. Was also ist das Analyseinstrument, um internationale Konflikte zu diagnostizieren?

Laut Wolffsohn betrachten die Menschen den Staat als eine Einheit. Zeitgleich hätten sie die Vorstellung, dass es eine Deckungsgleichheit gibt zwischen der Bevölkerung und den Staatsgrenzen. Tatsächlich aber sei die Konstellation zwischen der staatlichen Grenzziehung und der Bevölkerung nicht deckungsgleich. Seine These: Es herrscht eine demografische Verteilung, die zwar auch in einen Staat zu lokalisieren ist, aber zugleich auch in einem oder mehreren Nachbarstaaten. Er nennt Regionen in Asien oder Afrika, aber auch in Europa: Spanien und Katalonien oder Frankreich und Korsika. „Da gibt es zwar keine Überlappungen, aber trotzdem gespaltene Bevölkerungsgruppen, deren Einheitlichkeit im Grunde ein Kunstprodukt ist“, sagte Wolffsohn.

Er überträgt diese These auf die Türkeiinvasion in Nordsyrien. „Was ist da los?“, fragt er. „Das Problem trägt die Überschrift Kurden.“ Diese haben keinen eigenen Staat, sondern sind verteilt über vier einzelne Staaten die in unmittelbarer Nähe liegen: Türkei, Syrien, Irak, Iran. Seine erste Annahme ist, die nicht vorhandene Deckungsgleichheit von politischer Geografie und faktischer Demografie. Zum anderen gebe es eine historische Urkraft: die Selbstbestimmung.

Die Kurden leben im Südosten der Türkei, einer heiklen Region aus mehreren Gründen: Dort kommen Öl und Erdgas-Pipelines aus dem Nahen Osten und der kaspischen Region zusammen. Die Türkei ist dadurch in der Situation, wenn sie die Kurden militärisch bekämpft, dass diese Anschläge auf die Pipelines verüben könnten, erklärt Wolffsohn. Ein wirtschaftliches Risiko, eine Verzahnung. „Es läge also im Interesse der Türkei, den Kurdenkonflikt in der Türkei zu lösen.“ Ebenso liegt im Südosten eine wichtige Wasserscheide, Euphrat und Tigris entspringen in dem türkisch-kurdischen Gebiet. Die Türkei könnte also den Folgestaaten der beiden Flüsse Syrien und dem Irak den Wasserhahn zudrehen. „Und wir protestieren nur“, sagt Wolffsohn.

Das Kurdenproblem sei aber in der Türkei noch nicht zu Ende, die Kurden seien auch im Nordirak. „Ohne eine Selbstbestimmung der Kurden wird auch der Irak und auch Syrien nicht zur Ruhe kommen“, sagt Wolffsohn. Die Lösung ist laut Wolffsohn die Förderaliserung. „Ohne eine Föderalisierung der Kurdenfragen wird es weder für Syrien, noch den Irak, noch den Iran inneren Frieden geben können.“ Sein Vorschlag für die Türkei: „Eine Art Bundesrepublik für die Türkei mit einem Bundesland für die türkische Türkei und einer kurdischen Türkei, oder wie immer man das nennen möchte.“

Die These überträgt er noch auf weitere Konflikte. Zum Beispiel den Irak, wo Kurden, Sunniten und Schiiten in einem Staat leben.

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