Hintergrund: Medienansturm auf Fritzl-Prozess

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Deutsche Presse-Agentur

Vor dem „Haus des Grauens“ ist wieder die Polizei aufgezogen. Mit der Ankunft Dutzender Journalisten aus aller Welt soll das düstere Gebäude in der Ybbsstraße von Amstetten vor möglichen Eindringlingen gesichert werden.

Hier hielt der heute 73-jährige Josef Fritzl seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen. Auch in St. Pölten, der Hauptstadt des Landes Niederösterreich, herrscht seit Tagen Hochbetrieb. Denn hier beginnt am 16. März der aufsehenerregendste Kriminalprozess, den die Alpenrepublik seit vielen Jahren gesehen hat. Es dürfte zugleich der ungewöhnlichste Prozess in der jüngeren Geschichte der Republik werden.

Rund 100 Journalisten - die meisten aus dem Ausland - haben sich nach Angaben der Behörden für die auf fünf Tage angesetzte Verhandlung akkreditiert. Mehr passen nicht in den großen Saal des Schwurgerichts, vor dem Fritzl vom kommendem Montag an zu seinen Verbrechen befragt werden soll. Doch schon vor dem ersten Verhandlungstag machte die Justiz klar, dass die Öffentlichkeit über weite Teile des Verfahrens ausgeschlossen bleiben dürfte. Zu heikel und persönlich sind in diesem Fall die Details der Verbrechen Fritzls, der seine Tochter Elisabeth nach der Anklageschrift mehrere tausend Mal vergewaltigt haben soll.

Schon bei der Verlesung der 27-seitigen Anklageschrift könnten die Journalisten ausgeschlossen werden. Die juristische Begründung ist einleuchtend: Der Schutz der Privatsphäre der Opfer hat in jedem Fall eindeutig Vorrang vor dem medialen Interesse. „Wenn der Schutz der Opfer überwiegt, ist dem Gericht ein gebundenes Ermessen gegeben, von sich aus die Öffentlichkeit auszuschließen“, meint Klaus Schwaighofer Institut für Strafrecht an der Innsbrucker Universität. Lediglich zur Urteilsverkündung muss die Öffentlichkeit zugelassen werden, heißt es.

Die Verhandlungsführung liegt in der Hand von zwei Frauen. Sowohl die Vorsitzende Richterin Andrea Humer (48), als auch die Vertreterin der Anklage, Christiane Burkheiser (33) gelten als Expertinnen im Sexualstrafrecht. Burkheiser war vom ersten Tag mit dem Fall Fritzl beschäftigt und leitete von Beginn an die Ermittlungen gegen den Mann, der sich nach eigenem Geständnis schwerster Sexualdelikte strafbar gemacht hat. Burkheiser war auch wesentlich an den insgesamt elfstündigen Vernehmungen von Elisabeth Fritzl beteiligt, die ebensowenig vor Gericht erscheinen wird, wie die übrigen Mitglieder der Familie Fritzl, die nach Auskunft des Gerichts von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch machen werden. Die Aussagen der Tochter, die ihren Vater aufs schwerste belasten sollen, werden als Video im Gerichtssaal zu sehen sein.

Voraussichtlich werden also neben dem Angeklagten nur die verschiedenen Gutachter persönlich im Gerichtssaal anwesend sein, die unter anderem jedes Element des fluchtsicheren Kellerverlieses untersucht haben. Gutachten werden letztlich auch wesentlich darüber entscheiden, ob Fritzl im Zusammenhang mit dem Tod eines seiner neugeborenen Kinder wegen Mordes verurteilt wird. Nach der Entbindung von Zwillingssöhnen war eines der Babys schwer erkrankt. Fritzl ließ das Kind laut Anklage sterben, weil er anderenfalls um die Entdeckung seiner Verbrechen fürchtete. Anschließend verbrannte er den kleinen Leichnam in einem Heizofen. Letztlich wird auch das Urteil der Gerichtspsychologin darüber entscheiden, ob Fritzl von den acht Geschworenen und dem Gericht für voll schuldfähig gehalten wird.

Insgesamt waren die Behörden bei der Vorbereitung des Prozesses bemüht, alles zu tun, um mögliche Störungen zu vermeiden. So werden während der Verhandlungen sogar die Überflugrechte über dem Gerichtsgebäude offiziell stark eingeschränkt. Schließlich wolle man verhindern, dass Fritzl etwa - wie kürzlich in Griechenland geschehen - mit einem Helikopter aus dem Gerichtsgebäude fliehe.

Nicht einfach war die Auswahl der acht Geschworenen, die über den 73-Jährigen richten werden. Für sie erwartet Fritzls Verteidiger Rudolf Mayer die größten Probleme, denn: „Je breiter ein Fall in den Medien vorab abgehandelt worden ist, desto schwieriger ist es für Geschworene, das, was sie alles gelesen, gesehen und gehört haben, zu vergessen und nur das als Entscheidungsgrundlage zu ihrem Urteil zu machen, was sie im Prozess selbst hören und sehen und lesen.“

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