Herzkranke bevorzugen Medikamente vor gesundem Essen

Lesedauer: 4 Min
Deutsche Presse-Agentur

Die meisten Herzkranken in Deutschland und anderen Industriestaaten zeigen weiterhin keine Neigung zu gesünderem Lebenswandel und schlucken stattdessen lieber mehr Medikamente.

Das geht aus einer Studie hervor, von der die Universität Münster berichtete. Der Epidemiologe Prof. Ulrich Keil hatte den deutschen Beitrag der 3. „Euroaspire“-Studie mit knapp 2400 Herzpatienten aus acht europäischen Ländern geleitet. Die erste Studie erfolgte im Jahr 1995, die zweite 2000 und die dritte 2007.

Auffällig sei, dass der Anteil übergewichtiger Teilnehmer von 25 Prozent in der ersten Studie 1995 auf zuletzt 38 Prozent stieg, die Zahl der Untersuchten mit erhöhten Cholesterinwerten sich aber von 94 auf 46 Prozent mehr als halbierte. Für Keil stellt dies jedoch keinen Widerspruch dar: „Mit den Statinen verfügt die Medizin heute über hervorragende Medikamente, um den Cholesterinspiegel zu senken. Das löst aber das dahinter stehende Problem der falschen Ernährung nicht.“ In Deutschland nahmen gut 450 Patienten teil. Keil ist Leiter des Institutes für Epidemiologie und Sozialmedizin in Münster. Die Ergebnisse sind in der britischen Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlicht.

Dass falsche Ernährung mehr ist als nur eine schlechte Angewohnheit, untermauert Keil mit dem Hinweis auf die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus, auch bekannt als „Zuckerkrankheit“: Parallel zum Übergewicht stieg deren Quote als direkte Folge von 17 Prozent im Jahr 1995 auf später 28 Prozent ­ fast eine Verdoppelung. Besonders alarmierend ist für den Mediziner, dass auch Menschen mit attestierter Krankheit ihre Gewohnheiten nicht umstellen scheinen: „Wenn wir schon den Vorgewarnten nicht vermitteln können, ihre Lebensgewohnheiten zu verändern, wem dann?“, fragte Keil.

Beim Rauchen konnte Keil keinen nennenswerten Rückgang unter den Patienten wahrnehmen, die Quote lag weiter bei 20 Prozent. „Das hängt damit zusammen, dass die Medizin die Therapieangebote für Raucher zumeist nicht ernst nimmt. Das muss sich ändern.“ Auch beim erhöhten Blutdruck blieb der erwartete Rückgang aus. Sein Anteil stagniere bei rund 60 Prozent. Keil verweist zudem darauf, dass die Studie aus Kostengründen in Deutschland nur im Münsterland stattfand: Diese Region sei durch eine gute Sozialstruktur und eine Vorliebe für das Radfahren gekennzeichnet. „Andernorts wären die Ergebnisse vermutlich noch schlechter ausgefallen“, folgerte Keil.

Als Konsequenz aus der Langzeituntersuchung empfiehlt Keil einen klaren Kurswechsel der Medizin in Richtung Prävention: „Das Verschreiben von Medikamenten allein reicht nicht. Die Ärzte müssen erkennen, dass auch sie verantwortlich sind für die Änderung des Lebensstils und entsprechend Einfluss nehmen.“

Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin: epi.klinikum.uni-muenster.de

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen