„Heilige und Sünder“ - Der Designer Michael Michalsky

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Deutsche Presse-Agentur

Oben auf der Treppe hechelt Norma, der Firmen-Mops, dem Besucher entgegen. Der Hund trägt ein Halsband mit dem Namen des wohl umtriebigsten Berliner Modedesigners: Michael Michalsky.

Der 41-jährige Hausherr, früher Levis-Chefdesigner und Kreativchef bei Adidas, sitzt in Nike-Turnschuhen, grauem Kapuzenpulli und Jeans in seinem Büro mit Blick über die Dächer der Stadt. An den Ohren funkeln kleine Brillis. An der Wand hängt ein Autogramm von Madonna, mit Widmung und Lippenstift. Auf dem Schreibtisch steht Nervennahrung: flaschenweise Spezi, aber ohne Kalorien. Michalskys Stimmung ist „euphorisch“, sagt er. Die Berliner Fashion Week (28. Januar bis 1. Februar) ist für ihn „positiver Stress“.

Bei der Modewoche zeigt er seine neue Kollektion für Winter 2009/1010 in der Zionskirche. Sein Motto lautet diesmal „Saints and Sinners“, Heilige und Sünder. Dass der Papst Homosexuelle ablehnt, war für Michalsky der Ausgangspunkt. Inspiriert haben ihn Priesterkleidung, Berliner Subkulturen und wen die katholische Kirche für „Sünder“ hält. Seidendrucke wie Kirchenfenster, Metallic-Farben Gold und Platin sowie Swarovski-Steinchen sollen in der Zionskirche leuchten. Mit der Schau unterstützt der Designer die Renovierung des Hauses, das zu DDR-Zeiten ein Treff von Bürgerrechtlern war.

In die Kirche geht Michalsky „nicht so oft“. Aber er sei ein gläubiger Christ, sagt er. „Und ich finde auch, unter dem Dach Gottes ist für jeden Platz, auch wenn das manchmal von anderen Leuten anders behauptet wird.“ Über seinen Freund verrät er nicht viel. „Aber ich bin im Augenblick sehr glücklich.“ Er sei auch wirklich lange auf der Suche gewesen. Michalsky findet es wichtig, sein Schwulsein nicht zu verstecken. Als Teenager - aufgewachsen in Bad Oldesloe nahe Hamburg, was man auch noch hört - hat er sich gewünscht, dass es mehr Leute gibt, an denen man sich orientieren kann.

Michalsky kommt aus einer Generation, die noch das geteilte Berlin auf Klassenfahrten kennengelernt hat. Als Schüler hat er einmal seine Zahnklammer in hohem Bogen über die Mauer geworfen, weil er sie nicht mehr tragen wollte. Zu Hause log er dann und sagte, er habe die Klammer in der Jugendherberge vergessen. Aus dem Jungen aus der norddeutschen Provinz wurde ein extrovertierter Designer mit rasanter Karriere. Studiert hat er am College of Fashion in London, wo er in der Clubszene als Türsteher jobbte. Ab 1995 half Michalsky Adidas auf dem Weg zum Trendlabel. Zehn Jahre später wurde er Kreativchef der Marke MCM.

2006 gründete Michalsky sein eigenes Unternehmen. Berlin hofierte ihn: Für eine Modenschau durfte er das Rote Rathaus nutzen. Mittlerweile residiert er auf zwei Etagen nahe dem Gendarmenmarkt und hat 25 Mitarbeiter. Bei der Fashion Week ist der Designer Stammgast. Im Sommer spazierten Männer mit knackigem Oberkörper und Flower-Power-Hosen durch eine alte Industriehalle.

Michalsky entwirft glamouröse pinke Roben genauso wie türkisfarbene Jeansjacken. Für den Kaffeeröster Tchibo kreiert er unter dem Label Mitch & Co. modischen Grundbedarf wie T-Shirts, Hemden und Parkas. Bei den Michalsky-Hemden arbeitet er mit Seidensticker zusammen, mit einer fränkischen Firma entwirft er einen Edel-Turnschuh. Seine Zukunft? Michalsky soll ein Lifestyle werden, von der Jeans bis zur Zahnpasta. Warum nicht, sagt er. „Es gibt keine Designer-Zahncremes.“

Michalsky weiß noch nicht, wie sich die Finanzkrise auf sein Unternehmen auswirkt. „Ich glaube, die Leute kaufen nicht mehr so viel, aber sie kaufen etwas Gutes.“ Seine Wahlheimat Berlin findet er „eigentlich jeden Tag toller“. Ihn hat es auch nicht gestört, dass ein Stadtmagazin ihn unter die „100 peinlichsten Berliner“ wählte, das empfand er eher als Ehre. Mode und Designer dürften sich nicht zu ernst nehmen, sagt Michalsky. „Letztendlich ist das Entertainment.“

Berliner Fashion Week: www.mercedes-benzfashionweek.com

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