Heidenheim sorgt für Pokal-Wahnsinn gegen die Bayern

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Tor Nummer 9, die Entscheidung: Robert Lewandowski trifft per Handelfmeter zum 5:4; Heidenheims Torwart Kevin Müller ist machtlo
Tor Nummer 9, die Entscheidung: Robert Lewandowski trifft per Handelfmeter zum 5:4; Heidenheims Torwart Kevin Müller ist machtlos. (Foto: dpa)
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Sportredakteur/DigitAalen
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Bayern München – 1. FC Heidenheim 5:4 (1:2). – München: Ulreich - Kimmich, Süle, Hummels, Rafinha (46. Coman) - Thiago - Gnabry, James (46. Lewandowski), Goretzka, Ribéry (24. Boateng) - T. Müller. – Heidenheim: K. Müller - Busch, Mainka, Beermann, Theuerkauf (73. Thomalla) - Dorsch (52. Feick), Griesbeck, Andrich - Schnatterer (66. Multhaup), Dovedan - Glatzel. – Schiedsrichter: Winkmann (Kerken). – Tore: 1:0 Goretzka (12.), 1:1 Glatzel (27.), 1:2 Schnatterer (39.), 2:2 T. Müller (53.), 3:2 Lewandowski (56.), 4:2 Gnabry (65., nach Videobeweis), 4:3 Glatzel (74.), 4:4 Glatzel (77., Foulelfmeter), 5:4 Lewandowski (84., Handelfmeter). – Zuschauer: 75 000 (ausverkauft). – Rote Karte: Süle, Notbremse (14., nach Videobeweis).

Auch wenn es schwerfällt: Versuchen wir, dieses Viertelfinalspiel im DFB-Pokal, das selbst das schöne Wörtchen „irre“ nur unzureichend trifft, zunächst nüchtern zu beschreiben.

Vielleicht in Führungswechseln: 1:0, 1:1, 1:2, 2:2, 3:2, 4:2, 4:3, 4:4, 5:4.

Vielleicht als reine Nachricht: Fußball-Rekordmeister FC Bayern München hat trotz 76-minütiger Unterzahl drei Tage vor dem Bundesliga-Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund durch ein 5:4 (1:2) gegen Zweitligist 1. FC Heidenheim das Halbfinale des DFB-Pokals erreicht.

Ich weiß noch gar nicht, wie und wo ich das Spiel einordnen soll. 

Bayern-Angreifer Thomas Müller

Oder lieber aus Sicht der Kicker von der Ostalb: Ein famos aufspielender 1. FC Heidenheim hat im bislang größten Spiel der Vereinsgeschichte die Sensation nur knapp verpasst. Bei Bayern München verlor die Mannschaft von Trainer Frank Schmidt nach großem Kampf, einer Pausenführung und einem tollen Comeback in der zweiten Halbzeit mit 4:5. Heidenheim verpasste somit den erstmaligen Einzug ins Halbfinale.

+++ Der Live-Blog zum Nachlesen: So irre war das Spiel zwischen Bayern und Heidenheim +++

Befriedigt Sie alles nicht? Uns auch nicht. Den Wahnsinn irgendwie in Worte zu fassen, das war nach einem rasanten und aufwühlenden Spiel die nächste große Aufgabe an diesem Abend.

„Ich weiß noch gar nicht, wie und wo ich das Spiel einordnen soll“, sagte Bayerns Angreifer Thomas Müller, dessen artistischer Treffer zum zwischenzeitlichen 2:2 (53. Minute) die Münchner wieder zurück in die Partie gebracht hatte. „Vielleicht muss ich meine Familie und Frau fragen, wie man das Spiel einschätzen soll“, meinte Müller noch.

So ein Spiel, mit so einem Ergebnis habe ich noch nie erlebt. 

Bayern-Trainer Niko Kovac

Heidenheims Rechtsverteidiger Marnon Busch war da schon weiter. „Wir haben es geschafft, ein geiles Spiel abzuliefern“, sagte er. Kann man wohl sagen.

+++ Wer das Spiel verpasst hat, kann hier die spannendsten Momente in der Video-Zusammenfassung sehen +++

„So ein Spiel, mit so einem Ergebnis habe ich noch nie erlebt“, sagte Bayerns Trainer Niko Kovac und ging emotional seine Spieler an: „Es ärgert mich schon sehr, dass so viele Nationalspieler das nicht so runterspielen können. Ich freue mich über die Moral, dass wir zurückgekommen sind. Aber bei allem Respekt vor Heidenheim: Du kannst nicht vier Gegentore kassieren, das geht nicht!“

Unbegreiflich, wie Bayern einbrach

Als „größtmöglicher Außenseiter in Deutschland“ hatte Frank Schmidt seine Mannschaft vorher bezeichnet. Doch der führte in der ersten Halbzeit den Rekordmeister phasenweise vor. Begünstigt durch eine numerische Überzahl – Bayern musste nach 14 Minuten mit einem Innenverteidiger weniger auskommen, Niklas Süle war nach einem Foul an Sebastian Griesbeck vom Platz gestellt worden. Und doch unbegreiflich, wie Bayern einbrach.

Kurz vorher waren die Münchner in Führung gegangen, ein Eckball Joshua Kimmichs war ohne Probleme in den Strafraum gesegelt, Leon Goretzka hatte unbedrängt zur Führung geköpfelt (12.).

Robert Glatzels erster Streich: der Kopfball zum 1:1 (links Bayerns Joshua Kimmich)
Robert Glatzels erster Streich: der Kopfball zum 1:1 (links Bayerns Joshua Kimmich) (Foto: dpa)

Doch nun waren die Bayern nur noch zu zehnt – und verfielen in kollektive Agonie. Erst Marc Schnatterers Lattenkracher im Anschluss an Süles Platzverweis weckte Kovac auf. Mit hektischen Gesten versuchte er, seine Spieler richtig zu postieren. Doch die schienen unansprechbar. In der 27. Minute verlor James im Mittelfeld den Ball, Marc Schnatterer passte diagonal auf Robert Glatzel.

Die Sturmkante, einst bei 1860 München wegen angeblich mangelndem Talents weggeschickt, vollendete zum 1:1.

Münchner kommen zurück

Erst nach 24 Minuten reagierte Kovac auch mit einer Auswechslung, der Trainer brachte Jérôme Boateng für Franck Ribéry, Bayern stand sofort stabiler. Das aber verhinderte das 2:1 der Kicker von der Brenz auch nicht.

Nach Querpass von Griesbeck gelang Heidenheims Kapitän Marc Schnatterer ein derart krummer Schuss, dass er schon wieder Tor-des-Monats-würdig wirkte.

Und eben als man sich in der Pause fragte, wie hoch die Blamage auf der nach oben offenen Vestenbergsgreuth-Skala diesmal ausfallen würde – 1994 war Frank Schmidt noch als Spieler dabei, als Bayern in der ersten Runde in Franken die Mutter aller Pokalblamagen erlebte –, kamen die Münchner doch zurück.

Kovac brachte den kränkelnden Robert Lewandowski im Sturm, stellte auf Dreierkette in der Abwehr um. „Niko ist all in gegangen“, erkannte Schmidt an.

Wir haben eine Visitenkarte abgegeben, was Heidenheim ausmacht. Hat Spaß gemacht, vielleicht bis irgendwann mal wieder.

Heidenheim-Trainer Frank Schmidt

Thomas Müller in der 53. Minute artistisch im Fünfmeterraum zum 2:2, Robert Lewandowski nach Müllers Vorlage kurz darauf zum 3:2 (56.). Serge Gnabry erhöhte sogar zum 4:2 (65.). Doch dann kamen Glatzels drei Minuten: Kimmich schlief, Glatzel zum 3:4 (74.) und schließlich: Glatzel per Foulelfmeter zum 4:4 (77.). Dabei hätte es bleiben können, wenn Robert Lewandowski nicht – ebenfalls per Elfmeter – den Schlusspunkt (84.) gesetzt hätte. Das letzte Wort, den letzten Versuch der Einordnung, hatte Frank Schmidt: „Wir haben eine Visitenkarte abgegeben, was Heidenheim ausmacht. Hat Spaß gemacht, vielleicht bis irgendwann mal wieder.“

Niko Kovac könnte wahrscheinlich darauf verzichten.

Bayern München – 1. FC Heidenheim 5:4 (1:2). – München: Ulreich - Kimmich, Süle, Hummels, Rafinha (46. Coman) - Thiago - Gnabry, James (46. Lewandowski), Goretzka, Ribéry (24. Boateng) - T. Müller. – Heidenheim: K. Müller - Busch, Mainka, Beermann, Theuerkauf (73. Thomalla) - Dorsch (52. Feick), Griesbeck, Andrich - Schnatterer (66. Multhaup), Dovedan - Glatzel. – Schiedsrichter: Winkmann (Kerken). – Tore: 1:0 Goretzka (12.), 1:1 Glatzel (27.), 1:2 Schnatterer (39.), 2:2 T. Müller (53.), 3:2 Lewandowski (56.), 4:2 Gnabry (65., nach Videobeweis), 4:3 Glatzel (74.), 4:4 Glatzel (77., Foulelfmeter), 5:4 Lewandowski (84., Handelfmeter). – Zuschauer: 75 000 (ausverkauft). – Rote Karte: Süle, Notbremse (14., nach Videobeweis).

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