Hat er zugeschlagen oder nicht? -Gedächtnislücken bei einem Gerichtsprozess

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 Prozess am Amtsgericht.
Prozess am Amtsgericht. (Foto: dpa)
Anette Rösler

Hat er zugeschlagen oder nicht? Am Donnerstag hat sich ein 29-jähriger Mann wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht Tettnang verantworten müssen. Er wurde beschuldigt, eines Nachts im Oktober 2017 einen Nachbarn geschlagen und verletzt zu haben. Weil die Angaben letztlich zu widersprüchlich und nicht weiterzuführen waren, wurde das Verfahren für die Leistung von Sozialstunden eingestellt.

Richter Christian Pfuhl bat den Angeklagten, der aus Syrien stammt, den Ablauf der Nacht zu schildern. Der Mann, dem ein Dolmetscher zur Seite stand, erzählte, dass es in der Unterkunft immer wieder Stress mit dem Geschädigten gegeben habe. Dieser habe häufig gegen die Türen der anderen Bewohner geschlagen, weshalb ein paar Mal die Polizei verständigt worden ist. Während der Angeklagte erzählte, blickte er immer wieder zu einem Bekannten im Zuschauerraum, der im zustimmte.

Richter Pfuhl rügte dieses Verhalten und wurde deutlich: „Ich will keine Einwürfe aus dem Zuschauerraum hören, gar nichts!“ Der Angeklagte behauptete, bereits geschlafen zu haben, als seine Tür aufgebrochen wurde und ein Mann auf ihn losging. Er sei mit einem Topfdeckel und einem Schöpflöffel geschlagen worden.

Ich will keine Einwürfe aus dem Zuschauerraum hören, gar nichts.

Richter Christian Pfuhl

Um sich zu verteidigen, habe er den Kontrahenten weggeschoben und ihm den Schöpflöffel abgenommen. „Wie erklären Sie sich dann, dass der Mann auf dem Boden lag und geblutet hat?“, hakte Richter Pfuhl nach. „Haben Sie ihn auch geschlagen?“ „Daran erinnere ich mich nicht. Ich habe ihn geschoben. Aber ,geschoben’ bedeutet in Syrien auch mal ,geschlagen’“, sagte der Beschuldigte.

Richter Pfuhl wies leicht genervt darauf hin, dass die von der Polizei aufgenommene Aussage eine völlig andere Version widerspiegle und darin weder ein Pfannendeckel noch ein Schöpflöffel vorgekommen seien. „Da hat nur ein Kumpel mit Sprachniveau A1 gedolmetscht, der hat nicht alles verstanden“, erinnerte sich der Angeklagte. Auch die Frage der Staatsanwaltschaft, wie der Geschädigte hingefallen sei, konnte der Angeklagte nicht beantworten.

Da hat nur ein Kumpel mit Sprachniveau A1 gedolmetscht, der hat nicht alles verstanden.

Der Angeklagte

Ein Zeuge, der 2017 ebenfalls in dem Haus wohnte, meinte „er habe keine Ahnung, weil er eigentlich nichts gesehen habe“. Allerdings bestätigte er, dass es immer wieder Ärger mit dem Geschädigten gegeben habe. Eine weitere Zeugin, die Exfreundin des Geschädigten, konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wann genau der Vorfall war. Sie habe Tumult und Geschrei gehört und dann gesehen, dass ihr Exfreund geblutet habe. Er sei angetrunken gewesen, aggressiv und er hasse Ausländer.

„Wissen Sie eigentlich, warum Sie hier sind?“, fragte Pfuhl. „Nicht so genau“. Als der Richter ihm auf die Sprünge half, fiel es ihm wieder ein: „Ich wollte aufs Klo gehen und habe eine Pfanne auf den Kopf bekommen.“ An Türen habe er nie geklopft und erinnern könne er sich an nichts. Auf die Frage, ob er wisse, wer ihn geschlagen habe, zeigte er danach auf den Angeklagten: „Der war’s“.

Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidigung kamen zum Schluss, dass die widersprüchlichen Angaben nicht weiterführend seien und das Verfahren vorerst eingestellt wird. Der Beschuldigte erklärte sich damit einverstanden, 60 Sozialstunden zu leisten.

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