Hülle oder Bleistift: Mailänder Modewinter 2009/10

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Deutsche Presse-Agentur

Die Frau zieht sich im kommenden Herbst/Winter in ihre Kleider zurück: Als suche sie Schutz vor den Unsicherheiten dieser Zeit, schichtet sie ihre Garderobe in Lagen.

Die Mode als Kokon, so lautet einer der wichtigen Trends der Mailänder Designerschauen. Anlässlich der Milano Moda Donna zeigt die die italienische Kreativelite ihre neuesten Kreationen. Bei Missoni war der weibliche Körper nur noch zu erahnen. Über schmalen, oft als Joggingform geschnittenen Hosen oder von fußlosen, hohen Strümpfen umhüllten Beinen baute sich eine mehrlagige, wuchtige Stofffülle auf. Die Pelzweste über dem Mantel, die Jacke über der Jacke, kurze Teile über langen - das italienische Label spielte dabei gekonnt mit Materialien und Farben. Es gibt viele voluminöse Strickjacken und Maxi-Pullover. Auch beim Beiwerk wurde nicht gespart: Hauben, Kapuzen, Kappen und lange Schals mit Fransen komplettieren das Bild der umhüllten Frau.

Ganz anders der Auftritt von Giorgio Armani. Schmale Hosen, kurze, knapp sitzende Jacken und beängstigend hohe Absätze ergeben eine Silhouette wie ein Bleistift. Mehr Volumen kommt hauptsächlich durch einige Mäntel ins Spiel, die mit ihren offenen Ärmeln die Trennlinie zum Cape überschreiten. Armanis abendliches Kleiderthema sieht Roben vor, bei denen sich eine netzartige Schicht über eine bedruckte legt. Viele Accessoires wie die Kopfbedeckungen und die über den Ellenbogen reichenden Handschuhe sind schwarz gelackt.

Kunst an der Frau auch das ist ein großer Mailänder Modetrend. Einige Designer ignorieren die natürliche Form des Körpers und schaffen ungewohnte Silhouetten und dreidimensionale Effekte. Zu ihnen zählt der Italiener Gaetano Navarra. Er selbst sprach von Architektur für den Körper. So bauscht sich ein Ärmel theatralisch auf, während der andere Arm unbedeckt bleibt. Dank einer zweiten Stoffbahn kreiert er Hosen, die man gleichzeitig als weit und schmal bezeichnen kann. Ein Top wird zum Torso versteift, die Schultern sind oft betont.

Auch beim italienischen Designerduo Frankie Morello wird mit Form und Volumen experimentiert. Es gibt X-Silhouetten, steif abstehende Hosentaschen oder Gürtel, die aussehen, als hätte sich die Frau ein Rad übergestreift. Doch der eigentliche Charme dieser Kollektion liegt in Details wie den eingerollten Kragen, geometrisch interpretierten Rüscheneffekten oder dem in die Brusttasche integrierten Einstecktuch. Das Defilee löste sich zum Finalbild in eine berauschende Hochzeitsparty im indischen Bollywood-Stil auf.

Sich von der Krise den Spaß an Mode nicht verderben lassen, dieser Theorie schließen sich die Designer in ihren Linien an, die auf eine recht junge Klientel ausgerichtet sind. Bei Giorgio Armani heißt dieses Produkt Emporio und brachte viel Mini für einen schulmädchenhaften Look auf den Laufsteg. Blugirl aus dem Hause Blumarine dämpfte zwar im Vergleich zu den Vorjahren das Farbbild etwas ab und zeigte zum Beispiel Schwarz-Blau- und Dunkelgrün-Braun-Kombinationen. Doch Rüschenblusen, Seidenkleider, florale Drucke und Paillettenstickereien sind modische Antidepressiva. Dazu lassen sich Steppmäntel mit Pelzkragen, gegurtete Strickjacken oder Pelzwesten mit Strickbündchen tragen. Schleifen und Rüschen schließlich bestimmen das Bild bei Moschino Cheap and Chic.

Auch Roberto Cavalli hat eine dieser sogenannten Zweitlinien. Sie heißt Just Cavalli doch die Show wurde kurzfristig abgesagt. Der Produzent, die italienische Ittierre-Gruppe, hat Finanzprobleme. Cavalli selbst anscheinend nicht, denn er veranstaltete eine große Party. Das klingt im ersten Moment genauso paradox wie die Tatsache, dass in diesen Tagen viele Modehäuser große Boutiquen in Mailand eröffnen. Andererseits: Irgendwo muss Kleidung auch verkauft werden. Wenn vielleicht nicht morgen, dann zumindest übermorgen.

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