Gruß um die Welt: Norddeich Radio im Ruhestand

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Deutsche Presse-Agentur

Ein Gruß geht um die Welt - im Zeitalter von Internet, Handy und Satellitentechnik eine Selbstverständlichkeit. Doch früher war die Küstenfunkstelle von Norddeich Radio die einzige Verbindung zwischen Familien und Seeleuten rund um den Globus.

Zur Blütezeit in den 60er Jahren herrschte in der Station während der Weihnachtszeit Hochbetrieb. „Im Dezember haben wir mehr als 60 000 Telegramme über Funk vermittelt“, erinnert sich der 72 Jahre alte Wilfried Indenbirken aus dem ostfriesischen Norden (Kreis Aurich). Er war Betriebsleiter der weltweit bekannten Station, die vor zehn Jahren, am 31. Dezember 1998, in den Ruhestand ging. Vergangenes Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Funkentelegrafie, Morsetasten, Telegramme, Fernschreiben mit Lochstreifen, von Ätherrauschen untermalte Ferngespräche: Die Kommunikation zur Zeit unserer Großeltern war elektrisierend und verlief häufig „knisternd“ - heute nur noch in alten Filmen zu erahnen. Die Funkanlagen waren groß wie Schränke und füllten riesige Säle. Der erste „Knallfunkensender“ war so laut, dass der Raum mit einer dicken Dämmschicht und einem Filzbelag verkleidet werden musste. Bei geöffnetem Fenster war das donnerartige Knallen der Funken noch zwei Kilometer weiter zu hören.

Kilometerweit zu sehen waren bis zuletzt die riesigen Sende- und Empfangsmasten. Sie prägten jahrzehntelang das Bild der Küste bei Osterloog und Utlandshörn. Dort im äußersten Nordwesten Ostfrieslands war früher der Sitz der Empfangsstation - die Ohren für Signale aus den entfernten Seegebieten. „Es herrschte häufig ein enges persönliches Verhältnis zwischen den Funkern bei uns und auf den Schiffen“, erzählt Indenbirken. „Ein Funker sorgte sich, weil er keine Verbindung zu seiner Frau bekam - ob ich da nicht was machen könnte? Ich habe sie dann schließlich über die Nachbarn erreicht.“ Immer wieder kamen auch echte Notrufe: von Fischkuttern oder Frachtern in Seenot. „Das gab schon eine gewisse Aufregung.“

Ein anderer Funker erinnert sich an eine Morse-Verbindung zwischen dem Hafenkrankenhaus in Cuxhaven und dem Kapitän eines erkrankten Matrosen. Der Arzt habe „Bier in Maßen“ erlaubt. Weil es das „ß“ in der Morsetelegrafie nicht gab, wurde daraus „Bier in Massen“ - der Ausgang der Krankengeschichte ist nicht überliefert...

Die Funkerwelt war für lange Zeit eine Männerdomäne, bis in den 50er Jahren die ersten Frauen im Telegrafiebetrieb arbeiten konnten. Margarete Paulsen in Norden erinnert sich noch heute an die ersten Versuche zum Einsatz von Frauen: „Und dann sollte ich auf einmal aus Jux das Wetter sprechen.“ Prompt fragten einige Schiffsfunker ungläubig zurück: „Was ist los bei euch? Habt ihr jetzt Frauen bei Norddeich Radio?“

Bundesweit bekannt wurde die Küstenfunkstelle schließlich mit der beliebten Radiosendung „Gruß von Bord“ im Norddeutschen Rundfunk. Dafür wurden vor Weihnachten Gespräche von Bord eines Schiffes mit einem Partner an Land vermittelt, auf Band aufgezeichnet und später ausgestrahlt. Die Unterhaltungssendung mit Musik und viel Gefühlen zum Mithören wurde Kult.

Digitalisierung, automatisierte Verfahren und Funk per Satellit läuteten schließlich das Ende ein. „Good bye forever, over and out“ hieß es am 31. Dezember 1998 bei der Einstellung des Funkbetriebs. Inzwischen sind die Masten von Norddeich Radio zwar verschwunden, die Gebäude aber noch erhalten. Die letzten Mitarbeiter wechselten am gleichen Standort in ein Call-Center der deutschen Telekom.

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