Graben zwischen Tibets Jugend und Exil-Regierung

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Schwäbische Zeitung

Dharamsala (dpa) - Der Dalai Lama ist im nordindischen Dharamsala allgegenwärtig. Im Zentrum des tibetischen Zentrums hängt das Bild des geistlichen Oberhaupts in jedem Haushalt, in fast jedem Geschäft.

An den zahlreichen Souvenirständen in „Little Lhasa“ liegen Dalai-Lama-Postkarten gleich neben Wollmützen mit dem aufgedruckten Schriftzug „Freies Tibet“. Auch in der exil-tibetischen Gemeinde sind Liebe und Respekt für den charismatischen religiösen Führer ungebrochen. Erst Anfang März, als der Dalai Lama von einer mehrwöchigen Reise nach Dharamsala zurückkehrte, bereiteten ihm am kleinen Flughafen der Stadt hunderte Menschen einen rauschenden Empfang. Der Jugend aber wird die Strategie des Dalai Lama, einen „Weg der Mitte“ mit China einzuschlagen, angesichts ausbleibender Erfolge allmählich zu moderat.

Seit einem halben Jahrhundert lebt der Dalai Lama schon im indischen Exil. Etwa 120 000 Tibeter sind ihm seitdem gefolgt und kehrten der Heimat auf der anderen Seite des Himalaya-Massivs den Rücken. „Wenn wir auf 50 Jahre im Exil zurückschauen, können wir stolz auf das Erreichte sein“, sagt die Präsidentin der Tibetischen Frauen-Vereinigung, Tsering Yeshi. „Wir haben Schulen errichtet und ein demokratisches Regierungssystem etabliert.“ Zudem sei es gelungen, die Tibet-Frage auch auf die internationale Agenda zu setzen. „Und daran hat Seine Heiligkeit der Dalai Lama maßgeblichen Anteil.“

Gleichwohl sei es eine große Herausforderung, den politischen Kampf lebendig zu halten, sagt Tsering Yeshi. „Hier in Indien genießen wir alle Freiheiten, so dass es sich oft anfühlt, als ob wir in unserem eigenen Land leben.“ Vor allem für junge Menschen sei die Situation nicht einfach - hin und her gerissen zwischen tibetischer Tradition und Identität auf der einen und dem Wunsch nach einem ganz normalen Leben auf der anderen Seite.

Der 30-jährige Penpa Tsering vom Tibetischen Jugendkongress kennt die Probleme seiner Altersgenossen. Für ihn jedoch ist die politische Arbeit Verpflichtung. „Ich wurde 1987 auf der Ladefläche eines Lastwagens von Tibet nach Nepal geschmuggelt“, erzählt er. Von dort sei er nach Indien gekommen. Seine ganze Familie ist noch in Tibet - Eltern, Brüder. „Seit einem Jahr, seit den blutigen Unruhen in Lhasa und anderen Städten, habe ich nichts mehr von ihnen gehört.“

Dennoch zieht Penpa Tsering aus den Ereignissen im Frühjahr 2008 Kraft für seine Arbeit. „Der Aufstand in Tibet und die weltweiten Proteste haben bei vielen jungen Leuten ein neues politisches Bewusstsein geschaffen.“ Immer mehr Menschen wollten sich engagieren und ihren Beitrag für die tibetische Sache leisten. Sein Kollege Tenzin Choeying von der Organisation „Studenten für ein Freies Tibet“ stimmt zu: „2008 hat der Bewegung neuen Schub verliehen, denn auch politisch eher desinteressierte junge Leute im Exil spüren nun eine Verantwortung für die Millionen Tibeter in der Heimat.“

Beide wissen jedoch, dass das Engagement der Jugend allein nicht ausreicht. Seit langem fordern ihre Organisationen von der tibetischen Exil-Regierung und vom Dalai Lama, den „Weg der Mitte“ zu überdenken. Sich nur für Autonomie innerhalb Chinas einzusetzen und auf Gespräche mit der chinesischen Führung zu hoffen, sei nicht zielführend, findet Penpa Tsering. „Wir waren immer dagegen, die Forderung nach Unabhängigkeit aufzugeben.“ Denn Peking habe von Beginn an auch noch so moderate Vorschläge zurückgewiesen.

Seit dem Scheitern der jüngsten Dialogrunde im Herbst vergangenen Jahres haben auch moderate Tibeter wie die Frauenaktivistin Tsering Yeshi Zweifel an der offiziellen Politik. „Es gibt einen Graben zwischen den jungen Leuten und der Exil-Regierung“, räumt sie ein. „Dabei wäre es wichtig, den politischen Kampf gemeinsam zu führen.“ Die Tibetische Frauen-Vereinigung habe bislang den „Weg der Mitte“ des Dalai Lama unterstützt. Doch nun frage sie sich, ob es nicht sinnvoller sei, „mit ganzer Kraft Tibets Unabhängigkeit zu fordern“.

Tsering Yeshi wirkt etwas erschrocken, als sie den Satz ausgesprochen hat, fasst sich aber schnell. „Selbstverständlich bleibt Gewaltfreiheit unser oberstes Prinzip, doch die kompromisslose Haltung Chinas zwingt uns radikaler zu denken.“ Vor allem die jungen Tibeter brauchten ein klares Ziel, damit sie die Hoffnung nicht verlieren. Das müssten Exil-Regierung und Dalai Lama verstehen, findet sie und ergänzt: „Wenn ich in meinem Leben nie die Chance haben sollte, nach Tibet zurückzukehren, denn will ich zumindest von einem unabhängigen Tibet träumen und dafür kämpfen.“

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