Größenwahn am Arm - Mechanische Uhren immer größer

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Deutsche Presse-Agentur

Sie ist das wohl wichtigste Schmuckstück des Mannes: die Armbanduhr. Wer sich heute ein edles Modell mit Automatikwerk oder Handaufzug leistet, will das von der Umwelt gewürdigt wissen. Das ist sicht- und messbar: Die edlen Modelle werden immer größer.

Begnügten sich Herrenuhren früher mit Durchmessern von weniger als 35 Millimetern (mm), sind 45 mm heute keine Seltenheit. Hintergrund sei ein „emotionales Design“, das Kunden heute schlichtweg erwarten, wie Jean-Daniel Pasche vom Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie in Biel erläutert. Die Kolosse tragen Namenszusätze wie „XXL“ bei der Marke Omega, „Extreme“ bei Jaeger-LeCoultre, „Maxi“ (Longines) oder „Super“ (Breitling).

„Noch vor ein paar Jahren waren 38 mm eine normale Herrengröße“, sagt Christina Golze vom Uhrenhersteller Chronoswiss in München. „Heute hören wir schon mal: Was soll ich denn mit dieser Damenuhr?“ Solche Fragen sind beim neuen Modell der Marke namens „Wristmaster“ ausgeschlossen: Er vereint zwei Gehäuse - eines davon mit Stoppuhr - auf einer 84 mal 42 mm großen Stahlplatte, die mit einer Ledermanschette um den Arm geschnallt werden will.

Das in Sankt Gallen erscheinende „Tourbillon-Magazin“ hat nachgemessen: Betrug die Größe aller von der Marke IWC aus Schaffhausen in der Schweiz angebotenen Uhren 1988 im Schnitt 34,6 mm, ist dieser Wert auf aktuell 43 mm gestiegen. Auf diesen Mittelwert kommt ziemlich exakt, wer ein neues Paketangebot von IWC annimmt: Fliegeruhren im Partnerlook für Vater und Sohn. Fast noch kühner als die 46,2 mm für das Herrenmodell mutet dabei die Empfehlung für den Filius an: 39 mm fordern jedes kindliche Handgelenk.

Die meisten Geburtsmythen großer Uhren haben einen militärischen Hintergrund. Ungezählte Wiedergänger von heute berufen sich auf die riesigen Beobachteruhren aus dem Zweiten Weltkrieg, als zweifelsfreie Orientierung eine Überlebensfrage war. Und so verdankt auch die Manufaktur Panerai ihre aktuelle Existenz guten Beziehungen zur Armee. Die Modelle Radiomir und Luminor mit den Gardemaßen 44 bis 47 mm sind gestrandete Taucheruhren. Kürzlich überraschte der Hersteller mit einer auf 40 mm abgespeckten Luminor-Variante. „Das ist unser Damenmodell“, sagt Sophie Binsch von Panerai in München scherzhaft.

Sogar konservative Hersteller zwingt der neue Größenwahn nun zur Reaktion. Nomos aus Glashütte, auf puristisches Design spezialisiert, bietet das Einsteigermodell „Club“ neuerdings zusätzlich zum Standard mit 36 mm auch in drei größeren Varianten bis 41,5 mm an. Und Lange & Söhne hat das 1994 mit 38,5 mm Durchmesser gestartete Modell „Lange 1“ renoviert und als „Große Lange 1“ auf 41,9 mm verbreitert.

Selbst Rolex gab sich lange Zeit zurückhaltend. Im Sortiment finden sich noch etliche Modelle, die unter 40 mm bleiben. Bei der „Day Date II“ wurde nun aber nachjustiert und der Durchmesser von 36 auf 41 mm gesteigert. Aktuell wirkt das das wie ein Understatement - für Rolex-Träger eine eher ungewohnte Erfahrung.

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