Glos räumt Schreibtisch leer und tritt nach

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Deutsche Presse-Agentur

Am Dienstag erhielt Glos (64) aus den Händen von Bundespräsident Horst Köhler die Entlassungsurkunde. Der Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg nahm das weiträumige Büro im Ministeriumsgebäude erstmals in Augenschein. Ein Generationenwechsel hat stattgefunden - der Adelige könnte mit seinen 37 Jahren Glos' Sohn sein.

Jahrelang hat der wohlhabende Müllermeister Glos aus dem fränkischen Prichsenstadt zunächst in Bonn und dann in Berlin als CSU-Landesgruppenchef und davor als Haushälter die politischen Fäden gezogen. In der Union ging nichts ohne Glos. „Schelm, Spötter, Strippenzieher“, so wurde er von Freund und Feind beschrieben. „Müssen tu ich gleich gar nix“ - war eine seiner Lieblingsredensarten.

Er war Freund und enger Vertrauter des ehemaligen Finanzministers und CSU-Chefs Theo Waigel - das war schon ein Manko unter dessen Nachfolger Edmund Stoiber. Der neue starke Mann in Bayern - Seehofer - sang Lobeshymnen auf Glos und flocht ihm verbale Kränze. Jeder, der beide lange kennt, weiß, dass Seehofer und Glos eine herzlich ausgelebte Gegnerschaft verbindet. Im Umfeld des Ex-Ministers wurden die weihevollen Worte aus München als „heuchlerisches Getue“ abgetan.

Mit einer Mischung aus Wehmut und Erleichterung sagte Glos am Dienstag seinen engen Mitarbeitern leise Servus. Jenseits dieser Stille war der gradlinige Franke aber eher „Krachmacher“ als Musterknabe. Einige seiner Reden im Bundestag - vor allem Richtung Grüne - bleiben als grenzwertig in Erinnerung. Stets suchte und fand er jedoch nach eruptiven Anwürfen den Pfad zur Versöhnung, meist bei einem oder auch mehreren Gläsern Weißwein aus seiner fränkischen Heimat.

Die CDU-Vorsitzende Merkel zählte zu Zeiten, als Glos noch ihr erster Stellvertreter im Fraktionsvorsitz war, zu seinen Stützen. Diese Freundschaft scheint gelitten zu haben. Glos meint, die Kanzlerin habe ihn in brisanten Zeiten seines Ministerlebens zu oft „im Regen stehen lassen“. In der CSU-Landesgruppe soll Glos seinem Zorn nach einem Bericht des „Münchner Merkurs“ freien Lauf gelassen haben. Dort soll er der Kanzlerin vorgeworfen haben, sie hänge zu sehr an den Lippen von Finanzminister Per Steinbrück (SPD) und habe öffentlich Zweifel an seiner Eignung als Wirtschaftsminister genährt.

Bewegt soll er dem Zeitungsbericht zufolge „seiner“ Landesgruppe als Minister Adieu gesagt haben. In der Fraktion wurde „der Michel“ am Dienstag mit freundlichem Applaus als Ressortchef verabschiedet. Jetzt spürt Glos den Machtverlust ganz deutlich. Ehefrau Ilse ist froh über den Rücktrittsentschluss ihres Mannes. „Es gibt ein Leben nach der Politik“, sagte sie der Zeitschrift „Bunte“. Zwei Söhne und Enkelkinder freuen sich auf mehr Zeit mit Vater und Großvater.

Wahrscheinlich kehrt Glos nach der Bundestagswahl im Herbst auf eine der hinteren Bänke im Plenum zurück. Die große politische Karriere ist Vergangenheit. Die klammheimliche Genugtuung, die er auslöste, als er den Bettel hinwarf, genoss er ein letztes Mal. Die wertvollen Ölbilder aus seiner Heimat an den Wänden des einstigen Ministerbüros hat er eingepackt. An der edlen Stereo-Anlage, die einst der parteilose Werner Müller im Ministerbüro einbauen ließ, kann sich jetzt Glos-Nachfolger Guttenberg erfreuen.

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