Glaube wird von Zweifeln begleitet

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 Marc Grießer
Marc Grießer (Foto: Marc Grießer)
Marc Grießer

Ein Zweifler kam zu einem Rabbi, um ihm zu zeigen, dass sich die Wahrheit seines Glaubens nicht beweisen lässt. Als er eintrat, schien der Rabbi ihn gar nicht wahrzunehmen, sondern ging auf und ab. Als er stehen blieb, blickte er den Zweifler an und sagte: „Vielleicht ist es aber wahr.“ Der Zweifler war erschüttert, mit Argumenten hatte gerechnet, aber nicht damit. „Auch ich kann Dir Gott nicht einfach auf den Tisch legen. Aber bedenke: Vielleicht ist es wahr“, ergänzte er. Vielleicht – solange es den Glauben gibt, wird er von Zweifeln begleitet. Gerade im November, dem Monat des Totengedenkens, mögen solche Gedanken aufkommen. Eigentlich sucht man nach Hoffnung für die Verstorbenen, für einen selbst... vielleicht gibt es Hoffnung... vielleicht.

Unsicherheiten gehören zu unserem unvollkommenen Dasein dazu und damit auch zu unserem Glauben. Sie zeigen nicht nur, dass etwas sein kann oder auch nicht, sondern auch, dass es um etwas geht, das größer ist als wir, das wir niemals einfach so fassen können. Unsicherheiten im Glauben sind also ein wichtiger Hinweis, dass Gott nie einfach fassbar ist. Sie lehren uns, dass Glaube nie bedeutet, dass wir Gott in irgendeiner Weise besitzen. Sie sind ein Gegenmittel gegen jede Art von Fundamentalismus und erinnern den Glaubenden daran, dass Gott immer der Größere ist. Gelegentlich fällt mir allerdings auf, dass in Bezug auf die Existenz Gottes häufig von Zweifeln gesprochen wird — aber kaum je in Bezug auf den Nicht-Glaubenden, der wohl ebenfalls zweifelt. Eine Gesellschaft, die stolz auf ihren Skeptizismus ist, sollte diesen Zweifel auch einmal auf den eigenen Lebensstil anwenden. Vielleicht sind Konsum und Freizeit doch nicht der letzte Lebenssinn des Menschen.

Ich glaube, Unsicherheiten zeigen nicht nur an, dass etwas im Dunkeln liegt, das wir nicht erkennen können, sondern sie zeigen grundsätzlich an, dass Leben Begegnung mit einem Gegenüber ist, das wir nicht fassen können und in dem wir als Glaubende Gott erkennen. Ist es nicht so, dass Unsicherheiten uns nicht nur in einer ganz vernünftigen und zu erwartenden Weise überfallen? Eben weil man auf eine Prüfung nicht genug gelernt hat und sich nun fragt, ob man durchfällt? Ist es nicht oft auch so, dass uns Zweifel in einer ganz grundsätzlichen Weise überfallen, ob überhaupt alles irgendwie passt? Diese Zweifel zeigen an, dass Leben Begegnung mit dem ist, den wir niemals fassen können: Gott. So sind die Unsicherheiten selbst ein Hinweis auf Gott.

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