Glamourfamilien: Mega-Mütter machen Stress

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Schwäbische Zeitung

Von unserer Redakteurin Kerstin Conz

Eigentlich ist es die normalste Sache der Welt. Eine Frau bekommt ein Baby. Na und? Okay. Bei Brad Pitt und Angelina Jolie waren es zwei. Zwillinge, um genau zu sein. Auch das soll es geben. Herzlichen Glückwunsch. Wir freuen uns wirklich, keine Frage. Aber muss die Welt deshalb gleich Kopf stehen? Wochenlang lungerten Fotografen der werdenden Mutter auf, um von ihr ein Bild auf dem Weg zum Frauenarzt zu ergattern. Die Fotos vom verknautschten Nachwuchs brachten 14 Millionen Dollar ein, und seitdem die sechsköpfige Großfamilie wieder glücklich auf ihrem Herrschaftssitz in Frankreich vereint ist, berichtet die Klatschpresse buchstäblich über jeden Furz der kleinen Racker.

In Hollywood sind Großfamilien derzeit der letzte Schrei. Wer etwas auf sich hält, hat von mindestens drei Kontinenten ein Kind adoptiert. Schließlich soll die Aktion auch politisch korrekt sein, und nebenbei ist zumindest im engsten Kreis der Familie der Weltfrieden wieder hergestellt.

Angelinas Niederkunft war nur der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von Promi-Geburten. Die Glamour-Welt hat Hollywoods Hosenscheißer entdeckt – und deren Mütter gleich dazu. Das wäre weiter gar nicht schlimm. Wenn einen nicht schon im Wochenbett das Gefühl beschleichen würde, dass man längst wieder top in Form sein müsste, um das Neugeborene stolz wie eine neue Tasche zu präsentieren. Doch während die dreifache Fußballmutti Victoria Beckham Kleidergröße Null erfindet, und wieder munter um den Globus fliegt, trägt die Durchschnittsmama noch Schlabberlook und fühlt sich wie ein Sack auf Reisen.

Das allein würde zu Hause vor lauter Baby-Stress vielleicht noch gar nicht auffallen. Wenn nicht selbst der größte Modemuffel mitbekommen hätte, dass Fotomodel Heidi Klum bereits wenige Wochen nach der Entbindung im Bikini über den Laufsteg schwebte. „Wie sie das wohl gemacht hat?“ Ein Blick genügt, um zu sehen, dass Vatis Bemerkung keine Frage, sondern eine Aufforderung an Mutti war, sich doch bitteschön schnell schlau zu machen. Sein freundliches Lächeln ist Aufmunterung und Warnung zugleich.

Doch auch Männer geraten unter Druck. Während die meisten jungen Väter noch im Gästezimmer schlafen, sind Übermutti Angelina und Vorzeigepapi Brad offenbar bereits wieder guter Hoffnung. Vier Monate nach der Geburt von Vivienne und Knox!

Bei so viel Familiensinn beschleicht die Durchschnittsfamilie schnell das Gefühl, irgendetwas falsch zu machen. Oder sie versuchen, mit den Promis gleichzuziehen. Bestes Beispiel: Kaiserschnitt. Denn medizinisch lässt sich der Anstieg von Kaiserschnitten von sieben auf dreißig Prozent in Deutschland nicht erklären. Kaum ein Star, der sein Baby auf natürliche Art zur Welt bringt. Warum auch? Ein Kaiserschnitt lässt sich doch viel besser ins Jetset-Leben einplanen. Victoria Beckham soll die Geburt ihres dritten Babys nach dem Spielplan ihres Mannes bestimmt haben. Wer sich dem Stress einer Geburt aussetzt, gilt fast schon als altmodisch.

Immer mehr Mütter und Väter fühlen sich von dem Mythos der Super-Eltern unter Druck gesetzt, bestätigt der Soziologe Professor Hans Bertram. Dabei sind die Promi-Eltern längst nicht so perfekt und die Bäuche längst nicht so flach, wie sie scheinen. Viele Stars verdanken ihre straffen Formen nicht dem Trainer, sondern dem Chirurgen. In den USA kursiert für sämtliche Schönheitsoperationen (Bauch, Busen, Intimbereich) nach der Mutterschaft bereits das schöne Wort vom „Mommy Makeover“. Auch in Deutschland legen sich immer mehr Muttis unters Messer. In manchen Kliniken werden 90 Prozent der Brustvergrößerungen nach einer Schwangerschaft vorgenommen. Pizza zum Frühstück

Mit dem Familienfrieden ist es bei den Promis auch nicht immer so weit her. Man denke nur an den Seitensprung von Boris Becker kurz vor Barbaras Entbindung. Heute gibt Bobbele den perfekten Vater und erteilt anderen Erziehungstipps. Vielleicht sollten die Pitts den Ratgeber mal lesen. Denn auch bei dieser Traumfamilie soll es drunter und drüber gehen. Die Sprösslinge dürfen laut einer getürmten Nanny schon zum Frühstück Schokolade oder Pizza essen. Die Glotze läuft rund um die Uhr, und die Kinder schreien um die Wette. Und das, obwohl jedes Kind ein eigenes Kindermädchen hat. Da ist selbst Papa Pitt gestresst. Angeblich dauert es rund eine halbe Stunde, bis er seine Meute ins Auto gepackt, und alle sechs mit Schmusetieren und Knabbersachen versorgt hat.

Die Perfektionistin Madonna fühlt sich sogar als schlechte Mutter. Mit der Karriere klappt es zwar, doch dafür bockt das Töchterchen, weil ihr die Mama zu viel auf Achse ist. Gar nicht locker ist Mutti Madonna, die im freizügigen Lumpenlook Karriere machte, bei der Klamottenwahl. Wenn die Jeans der zwölfjährigen Lourdes beim Bücken zu tiefe Einblicke gewährt, muss sie sich umziehen. „Zieh dir einen Gürtel an!“, heißt es dann streng. Irgendwie beruhigend, dass auch Pop-Diven bei ihren Kindern herrlich spießig sein können.

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