Geschichte: Der Kaffeeriecher erschnupperte illegales Pulver

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Irmela Schautz (links) und Michaela Vieser stellen ihr Buch über ausgestorbene Berufe vor.
(Foto: Vera Stiller)
Vera Stiller

Abtrittanbieter, Ameisler, Fischbeinreißer, Rosstäuscher und Kaffeeriecher? Diese Namen hat man vielleicht schon mal gelesen oder gehört, aber wirklich etwas damit anfangen? Ja, den Lumpensammler, den kennen die Älteren noch aus ihrer Kindheit. Auch unter einem Wanderprediger und dem Bänkelsänger kann man sich etwas vorstellen. Und den Begriff des Quacksalberns führt man noch heute bei bestimmten Gelegenheiten im Munde. Schwieriger wird es, wenn der Lichtputzer oder der Köhler erklärt werden soll.

Autorin Michaela Vieser und Illustratorin Irmela Schautz haben zwei Jahre recherchiert, haben mit detektivischem Spürsinn in Archiven, in Romanen oder auf Gemälden gesucht, um ausgestorbenen Berufen auf die Spur zu kommen. Und sie sind zur Freude aller, die jetzt davon profitieren, fündig geworden. Entstanden ist daraus ein höchst vergnügliches und aufschlussreiches Buch, das nicht nur die Geschichte der Arbeiten selber, sondern auch eine Menge „Drumherum“ zu erzählen weiß.

Die beiden jungen Frauen haben sich in Tokio kennen gelernt. Michaela Vieser, Jahrgang 1972, studierte Japanologin und asiatische Kunstgeschichte. Irmela Schautz, die 1973 in Wangen geboren und Malerei, Graphik, Bühnen- und Kostümbild studiert hat, stattete Mitwirkende für eine Mozart-Oper aus. Als sich beide in Berlin wieder trafen, entstand der Gedanke, „etwas zusammen zu machen“. Was zunächst als Kinderbuch gedacht war und dann Zwischenstation an „besonderen Orten Berlins“ machte, landete schließlich bei „Berufen aus vergangenen Zeiten“.

„Wir wollten uns weder Zunftberufen noch den ‚Letzten ihrer Art’ nähern“, so erzählt Michaela Vieser. Und auch, dass sie in ihren Texten auf die Kulturgeschichte der unterschiedlichen Berufe eingegangen ist. „Dazu waren unendlich viele Besuche in Archiven und Bibliotheken nötig. Wir haben allein über 900 Euro für entsprechende Mitgliedschaften und Eintrittsgelder ausgegeben“, so die Autorin.

Von Irmela Schautz ist zu erfahren, wie ihre Illustrationen – Collagen mit unterschiedlichen Papieren und Druckverfahren – für das Buch entstanden sind: „Der Hintergrund besteht jeweils aus einem Dokument, das aus der aktuellen Zeit des Berufes stammt. Darauf habe ich dann meine Figuren gesetzt mit der entsprechenden Kleidung, der Frisur und den typischen Werkzeugen.“ Besonders wichtig, so die Künstlerin, sei ihr bei allem „die Stimmung und der Charakter“ des das Gewerbe umgebende Umfeld gewesen.

Bei der Eröffnung der Ausstellung mit den originalen Illustrationen wurde natürlich auch gelesen. So konnten sich die vielen Besucher ein Bild vom „Rosstäuscher“ machen, dessen Redegewandtheit und Menschenkenntnis bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gefragt war und dem letztendlich das geflügelte Wort „Der oder die hat Pfeffer im Hintern“ zu „verdanken“ ist. Oder es wurde der „Ameisler“ nahe gebracht, der Ameisenpuppen sammelte, sie trocknete und sie als Vogelfutter oder Medizin verkaufte.

Um ganz unterschiedliche Geruchswahrnehmungen ging es beim „Abtrittanbieter“ und beim „Kaffeeriecher“. War der eine mit einem langen Mantel und zwei Eimern ausgestattet, um auf Messen oder Märkten eine „öffentliche Toilette“ anzubieten, so handelte es sich bei dem anderen um einen von Friedrich dem Großen eingesetzte Kriegsveteranen, der illegal erstandenen Kaffee mit der Nase aufspüren sollte.

Weniger exotisch waren die Geschichten über die Amme („Schon damals hatten Frauen Angst vor Hängebusen“) oder über den Silhouettenschneider, der seine aktive Zeit in den Jahren zwischen 1770 und 1790 hatte. Dass es auch heute noch „Raserei mit der Schere“ gibt, machte Albrecht Wintterlin aus Berlin deutlich. Gegen ein kleines Entgelt ließ er seine Schere tanzen und fertigte in Windeseile Schattenbilder von Frauen und Männer an, die sich eine bleibende Erinnerung an einen vergnüglichen Abend mit nach Hause nehmen wollten.

INFO: Die Ausstellung „Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern – Berufe aus vergangenen Zeiten“ ist bis zum 29. Januar in der Bücherei im Kornhaus zu den gewohnten Öffnungszeiten zu sehen. Das gleichnamige Buch ist im C. Bertelsmann-Verlag, München, unter ISBN 978-3-570-10058-5 erschienen. Es hat 240 Seiten, enthält 24 farbige doppelseitige Illustrationen und kostet 19,99 Euro.

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