Germanitiens Kampf gegen deutsche Justiz

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In Westerheim (Alb-Donau-Kreis) weht die Flagge des selbsternannten Staates Germanitien. (Foto: Rauneker)
Johannes Rauneker und Agenturen

Der selbsternannte Staat Germanitien muss vorerst auf diplomatische Beziehungen zu anderen Ländern verzichten: Sein „Außenminister“ Guido K. sitzt seit Mittwoch in Nürnberg in Untersuchungshaft.

Der 45-Jährige ist wegen Betrugs angeklagt. K. war Vertriebsleiter bei der Gesellschaft zur Förderung Erneuerbarer Energien (GFE). Das Unternehmen hatte seinen Kunden mit Wasser und Rapsöl betriebene Blockheizkraftwerke versprochen, die so viel Strom erzeugen sollten, um damit den Stromverbrauch eines ganzen Wohnhauses abdecken zu können.

Bis Anfang 2013 will die Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Nürnberg-Fürth in 28 Verhandlungstagen herausfinden, ob den 1417 Kunden, die dafür 62 Millionen Euro an die GFE überwiesen hatten, nur ein Märchen aufgetischt wurde. Angeklagt sind 13 Männer und eine Frau. Der Vorwurf lautet bandenmäßiger Betrug. „Ich werde beweisen, dass kein Betrugsfall vorliegt und alle Angeklagten unschuldig sind“, sagte der 40 Jahre alte Horst K. vor dem Landgericht. Er sei davon überzeugt, „dass unsere Blockheizkraftwerke den Käufern ein zweites Einkommen hätten sichern können“.

Der aktuelle Fall ist nicht der erste, bei dem ein sogenannter Germanite mit dem deutschen Gesetz in Konflikt gerät. Auch Uwe Dieter Krause, der Leiter der germanitischen „Botschaft“ in der malerischen Gemeinde Westerheim auf der Schwäbischen Alb (Alb-Donau-Kreis), liegt mit Behörden im Clinch. Die Polizei hatte Anfang des Jahres seinen S-Klasse-Wagen beschlagnahmt. „Obwohl ich eigentlich diplomatische Immunität genieße“, sagt Krause empört. Die Beamten hatten Probleme damit, dass der Botschafter seine Limousine statt mit einem deutschen mit einem germanitischen Kennzeichen über die Straßen der Alb lenkte. „Das Auto war nicht versichert und wird demnächst verkauft“, sagt Michael Bischofberger, Sprecher der Ulmer Staatsanwaltschaft. Der Erlös komme der deutschen Staatskasse zugute.

Genau jenem deutschen Staat, dem die Germaniten den Rücken zugekehrt haben. Mehrere Tausend sollen es bundesweit sein. Dies betonte Guido K. in einem Gespräch mit der SZ vor wenigen Wochen. Die Germaniten haben das Gefühl, dass sie von deutschen Behörden und durch deutsche Gesetze unterdrückt werden. Deshalb riefen sie ihren eigenen Staat aus. Wie andere Germaniten hat auch Uwe Dieter Krause seinen Personalausweis beim örtlichen Rathaus abgegeben. In der Tasche trägt er nun einen germanitischen. Bei den Germaniten heißt der Ausweis „Identitätskarte“. Oben rechts im Eck das germanitische Nationalwappen: ein schwarzer Seeadler auf blau-weiß-blauem Hintergrund. Der gleiche flattert an einer Fahnenstange im Wind, die im Garten der Westerheimer Botschaft steht.

Doch trotz Flagge, Ausweis und „Ministern“ wie Guido K., der ebenfalls in Westerheim wohnt (wo er am Montag auch festgenommen wurde), bleibt die ersehnte Anerkennung Germanitiens durch die BRD aus. Der Ulmer Staatsanwalt spricht bei dem Konstrukt Germanitien sogar von einem „Nullum“. Uwe Dieter Krause hingegen betont, dass er und seine Mitstreiter nur ein Ziel hätten: das „friedliche Miteinander“ mit der Bundesrepublik. „Wir sind aber raus aus der BRD.“

In Augen vieler sind Germaniten Spinner, die aus rein monetären Gründen (drohende Steuernachzahlungen, teure Prozesse) die germanitische der deutschen Staatsbürgerschaft vorziehen. Doch ihr Ernst in der Sache wirkt ungebrochen. Ohne schmunzeln zu müssen erklärte der Pflichtverteidiger von Guido K., warum dieser 14 Tage vor Prozessbeginn untergetaucht war. „Er war der Ansicht, dass ihn der Prozess als Germanite nichts angeht, weil die deutschen Gesetze in Germanitien nicht gelten.“ Eine etwas andere Auffassung vertritt der Ulmer Staatsanwalt Michael Bischofberger. Ein Staat sei erst dann ein unabhängiger Staat, wenn er es – verkürzt gesagt – schaffe, Hoheitsrechte über sein Staatsgebiet auszuüben, sprich im äußersten Fall auch Waffengewalt anwende. „Ich glaube nicht, dass die Germaniten eine solche Konfrontation mit der Bundesrepublik Deutschland suchen.“

Geschwächt sei Germanitien durch die Festnahme von Guido K. nicht, sagt Botschaftsleiter Uwe Dieter Krause. Wie sein Staat in dieser Angelegenheit weiter vorgehe, soll auf einem der folgenden Infoabende rund um Germanitien (an jedem zweiten Mittwoch in einer Westerheimer Gaststätte) besprochen werden. Der nächste findet am 3. Oktober statt, dem Tag der Deutschen Einheit. Ein Feiertag, der sich jedoch im Germanitischen Jahreskalender nicht findet.

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