Geheimnisvolles Drunter und Drüber: Knotengärten

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Deutsche Presse-Agentur

Zurück in die Renaissance: Wer einen Knotengarten anlegt, geht bewusst oder unbewusst diesen Weg. Im England des 16. Jahrhunderts entstanden erstmals diese Gärten, in denen niedrige Hecken kunstvolle Knotenornamente formen.

Die damalige Welt eroberten sie rasch. Aber auch heute sind die Menschen fasziniert, denn die Sprache der Knoten, die sich ohne Anfang und Ende zu Mustern verschlingen, berührt fast jeden.

Knoten begleiten die Geschichte der Menschheit seit ihren Anfängen. Mit ihnen ließen sich Lederstreifen zu Schuhen und Kleidung verbinden. Aus Knoten entstanden Schlingen für die Jagd, Netze für den Fischfang, wie Kristin Lammerting in ihrem Buch „Knotengärten“ ausführt. Selbst steinzeitliche Gebäude wie die Pfahlbauten am Bodensee sind ohne Knoten, die Pfähle zusammenhalten, undenkbar.

Nicht nur die Steinzeitmenschen werden beim Knüpfen der Knoten ihre Wünsche und Hoffnungen in die Schlaufen und Schlingen hineingelegt haben. So wurden Knoten über ihre reine Funktion hinaus auch zum magischen Element. Und da sauber geknüpfte Knoten auch ästhetische Qualität besitzen, gehören Knotenmuster in allen Kulturen rund um die Welt zu den frühen Schmuckornamenten, die Mosaikfußböden, Steinstelen, Amulette, Kleidung und vieles andere zieren.

Von dort hinaus in den Garten war es nur ein kleiner Schritt, den der englische König Heinrich VIII. und seine wohlhabenden Zeitgenossen vollzogen. Knotenmuster waren im damaligen England ohnehin modern. Nun schwelgte auch sein legendenumrankter Garten „Nonsuch“ - „Keiner seinesgleichen“ - in Knoten.

Wirklich umeinander schlingen konnten die niedrigen Hecken sich natürlich auch damals nicht. Es ist ein optisches Spiel, das die eine Hecke scheinbar unter der anderen hindurch oder darüber hinweg ziehen lässt. Von oben betrachtet wirkt die Illusion am stärksten, daher wurden Knotengärten vorzugsweise in Hausnähe angelegt, wo der Blick aus dem Fenster auf sie fallen konnte.

Noch schöner als „Nonsuch“ spielte der Garten von „Hampton Court Palace“, den Kardinal Wolsey anlegte, mit dem neuen Gartenelement. Zu immer raffinierteren Knoten verschlangen sich die niedrigen Hecken. Als Wolsey in Ungnade fiel, bezog Heinrich voll Vergnügen Schloss und Garten zusammen mit seiner ihm frisch angetrauten zweiten Frau Anne Boleyn. Wenig später konnten beide aus den Schlossfenstern auf Knotenornamente blicken, die sich zu ihren Initialen verschlangen.

Das Vorbild Heinrichs macht Schule, denn Knotengärten ließen sich auch in kleinen Landhaus-Gärten realisieren. Bücher wie Thomas Hills „The Gardeners Labyrinth“ gaben schon damals Hilfestellung bei der Anlage. Sie empfahlen Lavendel, Ysop, Bohnenkraut, Thymian und Gamander (Teurcium), um daraus duftende Heckenbänder zu schneiden. Auch Eibe und niedrige Wacholder empfanden sie als geeignet.

Nur Buchsbaum lehnten sie ab. Er roch ihnen zu streng. Erst im 17. Jahrhundert heißt es „boxe ist the best“, und seither ist Buchsbaum tatsächlich das Beste für die Heckenbänder. Die Räume zwischen den Bändern füllten Sommerblumen oder farbige Erde und Kies.

Auch über den Kanal schwappte die Idee des Knotengartens. Zu einem der Höhepunkte der Knotenlust wird der Garten des Heidelberger Schlosses. Bauherr Kurfürst Friedrich V. hatte 1613 eine Enkelin Maria Stuarts geheiratet. Sie sollte in seinem Schlosspark ein Stück England vorfinden.

Das Barock löste die Zeit der Renaissance ab. An die Stelle der Knotengärten traten Broderie-Parterres, also Heckenornamente, die sich wie Spitzendeckchen zu kunstvollen Arabesken aus Blättern und Blüten formten. Nur bei den Briten hielt sich noch der eine oder andere Knotengarten - als bestauntes Relikt aus alter Zeit.

Aber das sollte sich durch die Gartenplanerin und -autorin Rosemary Verey ändern. Sie begann den Garten von Barnsley House, seit dem 17. Jahrhundert Familienbesitz ihres Mannes, zu restaurieren und legte zwei Knotengärten an, bei denen sie durch raffinierten Schnitt die Illusion des Drüber und Drunter noch verstärkte.

Damit löste sie eine neue Welle der Knotengarten-Begeisterung aus. Menschen in Neuseeland und Australien, in Frankreich und den Niederlanden, in Deutschland und natürlich in England ließen sich mehr und mehr davon anstecken - und verhalfen dem Knotengarten zu neuer Blüte.

Literatur: Kristin Lammerting: Knotengärten: Eine historische Gartenkunst wieder entdeckt, BLV, ISBN 978-3-8354-0440-3, 39,90 Euro; Jerry Harpur, Marion Zerbst: Neue Gärten in alter Tradition, Knesebeck, ISBN 978-3-8966-0343-2, 39,95 Euro.

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