Geboren im Brustring – der VfB erinnert sich

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VfB-Kapitän Christian Gentner im Cabrio, das beim Autocorso zur Titelfeier 2007 eingesetzt wurde. Im Hintergrund weitere Expona
VfB-Kapitän Christian Gentner im Cabrio, das beim Autocorso zur Titelfeier 2007 eingesetzt wurde. Im Hintergrund weitere Exponate der Sonderausstellung zum 125. Geburtstag des VfB. (Foto: Imago)
Ressortleiter Sport

Gegen Ende der ersten Halbzeit begann Guido Cantz, sich Sorgen zu machen, zumindest teilte er dies den rund 200 geladenen Gästen im fünften Stock des Mercedes-Benz-Museums so mit. Wenn ein Politiker mehr Lacher erhalte als der Humorist, wäre es womöglich an der Zeit, sich zu hinterfragen, sagte Cantz, der kölsche Comedian mit Stuttgarter Wurzeln, die sich in seiner Vereinsliebe widerspiegeln. Natürlich ein sicherer Lacher für Cantz, den Moderator unter anderem von „Verstehen Sie Spaß“ bei der Feier am Samstag, dem Vorabend des 125. Gründungstages des VfB Stuttgart.

Heimspiel für Kretschmann

Tatsächlich hatte Winfried Kretschmann, nicht nur Politiker, sondern sogar Landesvater, richtig viele Lacher erhalten für seine Geburtstagsrede. Kretschmann, politisch ein Grüner, fußballerisch aber schon immer so rot, dass bereits der „erste Schrei stadiontauglich“ habe sein müssen, hatte unter anderem der guten, alten Zeit gedacht, die zwar keiner der Anwesenden miterlebt, aber für jene „im Brustring Geborenen“ – eine Redewendung, die man öfter hörte an diesem Festabend – sehnsuchtsvoll gewesen sein muss. 1893 sei die „Fußballwelt noch in Ordnung gewesen“, erinnerte der Ministerpräsident. So hätten die „Kickschuhe“ etwa noch „ausgesehen wie Wanderstiefel“, und die Trikots seien aus Baumwolle gewesen, das Beste aber: „Es gab noch keinen FC Bayern München. Was für eine Idylle“, so Kretschmann – und ergänzte: „Seit 125 Jahren sind wir zu Recht stolz auf unseren Verein.“

Richtig leicht macht es dieser Verein seinen Anhängern ja nicht immer, stolz auf ihn zu sein, aktuell hat die Mannschaft mal wieder den Saisonstart vergeigt. Und nicht überall bewegt dieser Verein für Bewegungsspiele so sehr wie im Südwesten. Cantz, der gebürtige Rheinländer und „Restschwabe“, kalauerte gar, sich in Köln zum VfB zu bekennen sei in etwa so wie „auf einer Veganerparty nach einem Mettbrötchen zu verlangen“. Demnach halte er, der Restschwabe mit Stuttgarter Vater, sich für sehr mutig.

Das konnte Fritz Kuhn aber locker toppen. Stuttgarts Oberbürgermeister ist zwar wie Kretschmann politisch grün, fußballerisch rot, jedoch nicht brustringrot. „Was meinen Sie, Herr Cantz, wie viel Mut es braucht, in Stuttgart Fan des FC Bayern zu sein?“, fragte Kuhn, den auch der Versuch, dieses Fansein als kleinen Akt der Rebellion darzustellen (gebürtiger Franke! Vater Clubberer! Bruder Sechzger!), nicht vor ein paar – immerhin vornehmen und ironischen – Pfiffen aus dem Saal retten konnte. Kuhn verwies darauf, dass der VfB meist gewinne, wenn er mal im Stadion sei und dass das Rathaus und die Grabkapelle zur Feier des Abends rot angestrahlt waren – als Versöhnungsangebot?

Doch dass der VfB die Leute bewegt, das sagte an diesem Abend nicht nur Guido Buchwald, der erste Weltmeister des VfB und nur einer von vielen anwesenden Clublegenden. Im Publikum saßen etwa auch Rolf Geiger, 1963 der Torschütze des ersten Bundesligatores des VfB, Ex-Torwart Günther Sawitzki, Karl Allgöwer, Hansi Müller, Frank Verlaat und, und, und. Die aktuelle Mannschaft vertraten Trainer Tayfun Korkut und Kapitän Christian Gentner, der beim letzten Meistertitel 2007 schon dabei war.

Von Gentner stammt auch eines der 125 Exponate der Sonderausstellung zur Geschichte des VfB Stuttgart im fünften Stock des Mercedes-Benz-Museums, die am gestrigen Sonntag fürs Publikum eröffnet wurde und noch bis April 2019 zu besichtigen ist. Neben der Gesichtsmaske, die der Kapitän nach seinen schweren Gesichtsbrüchen vor einem Jahr lange auf dem Platz tragen musste, sind unter anderem verschiedene historische Trikots, aber auch die Taktiktafel von Armin Veh mit der titelbringenden Mannschaftsaufstellung des 34. Spieltags 2007 ausgestellt. Sogar ein dieses Jahr bei Bauarbeiten am Trainingsgelände entdeckter zerbrochener Teller von 1912, dem Fusionsjahr von FV Stuttgart und Cannstatter Kronenklub zum VfB Stuttgart, ist zu sehen. Bei den Schwaben kommt eben nichts weg.

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