Gastbeitrag zu Neujahr: Weitermalen am Leben

Hermann Riedle

Sicherlich haben Sie schon einmal Kindern beim Malen zugeschaut und bemerkt, wie vertieft diese bei der Sache sind und sich durch nichts ablenken lassen. Wenn Kinder malen, dann malen sie sich geradezu in eine andere Welt. Aus einer Hütte aus krummen Strichen wird ein Zauberschloss, in dem eine Fee wohnt. Ein mit ungelenken Strichen gemalter Vogel wird zum majestätischen Adler, der über den Bergen schwebt und auf die Welt herabschaut.

Für mich als Erwachsenen sind die Bilder von Kindern oft nicht gleich zu verstehen. Wenn ich mir in unseren Kindergärten ihre Bilder ansehe, sind ihre Erklärungen manchmal überraschend. Ich habe als Erwachsener eben eigene Vorstellungen, was ein gelungenes Bild ausmacht. Das Spontane, mit dem Kinder an ein Bild herangehen, fehlt mir. Wo mir beim Malen der Zeichenstift ausgerutscht ist, würde ich es gerne rückgängig machen. Überflüssiges in einem Bild würde ich gerne ausradieren.

Vielleicht kennen Sie das auch? Diesen Wunsch, etwas rückgängig zu machen, etwas zu korrigieren. Den habe ich nicht nur, wenn ich ein Bild zeichne, sondern auch im Leben. Deswegen sind Entscheidungen manchmal nicht so einfach zu treffen, weil sie eben nicht einfach zurückzudrehen sind und oft sogar Weichen stellen für später.

Auch scheinbar falsche Striche annehmen

Diese Beobachtungen und Gedanken gehen mir jetzt am ersten Tag des Jahres durch den Kopf. Denn sie sagen mir, wie Leben geht. Leben heißt: Zeichnen ohne Radiergummi. Die Striche, mit denen wir unser Leben „malen“, sind oft nicht rückgängig zu machen und nicht einfach auszulöschen. Das bedeutet: Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, auch scheinbar falsche Striche, also Schritte, die scheinbar auf Umwege führen, anzunehmen. Das fällt schwer. Das kann auch Angst machen im Blick auf die Zukunft, auch auf dieses neue Jahr, das vor uns liegt. Gerade auch in Zeiten der Corona-Pandemie. Es gilt aber: Wir führen kein Leben auf Probe, sondern wir leben heute, jetzt, nicht erst nach der Schule, nach dem Studium oder nach dem Arbeitsleben. Das, was wichtig ist, sollen und können wir heute tun. Jeder von uns hat sein Leben, ist einmalig, ist ein Unikat, mit allen seinen krummen und geraden Linien. Es wächst, wird reicher und bunter, mit jedem Pinselstrich – auch mit den Strichen und Farben, die wir am liebsten anders ausgeführt hätten. Aber vielleicht haben auch sie ihren Wert. Möglicherweise erkennen wir das erst am Ende, wenn wir auf unser Lebensbild zurückschauen.

Hilfe auch in schwierigen Passagen des Lebens

Vor allem haben all die Farben und Striche ihren Wert für den, der uns bildlich gesprochen die Farben, Stifte und die Leinwand in die Hand gegeben hat, mit denen wir unser Leben gestalten und malen. Er, Gott, gibt uns damit die Freiheit, wie wir unser Leben ausgestalten. An diesem ersten Tag des Jahres aber wendet er sich uns und unserem Lebensbild zu mit dem Segen, den er uns mit auf den Weg ins neue Jahr gibt.

Auch das Evangelium des Neujahrstages stellt uns den Beginn seines Lebensgemäldes vor Augen, wenn es von der Namensgebung für dieses Kind erzählt: „Man gab ihm den Namen Jesus“. Das ist wie die Überschrift über das gesamte Lebensbild dieses Kindes. Jesus heißt: „Gott ist Hilfe, Gott ist Heil“. Gott will uns Menschen Hilfe sein, in Jesus gibt er uns dafür seine Zusage. Gerade für die schwierigen Passagen des Lebens, für die Linien, die uns krumm erscheinen und die wir gerne ausradieren würden, will er das sein.

Nicht oberlehrerhaft, sondern mit Freiheit

Menschen machen immer wieder diese Erfahrung mit Jesus: Gott streicht unser Lebensbild nicht durch, er radiert nicht oberlehrerhaft drauf herum und droht mit dem Finger. Er gibt vielmehr Freiheit zum Malen an unserem Bild des Lebens, er vertraut uns. Manchmal stellt er uns vielleicht noch die eine oder andere Farbe zu Verfügung oder ein weiteres Malgerät. Oder er schenkt uns einen anderen Blick, eine neue Perspektive, wenn wir uns verrannt haben.

Menschen machen in der Begegnung mit Jesus immer wieder die Erfahrung: Für Gott bin ich wichtig und einmalig. Mein Lebensbild ist wertvoll, so wie Kinderbilder wichtig sind für deren Eltern, die sie oft ein Leben lang aufbewahren.

Zeit nehmen und beim Malen zuschauen

Wenn Sie Kindern beim Malen sehen, nehmen Sie sich Zeit und schauen Sie einfach zu. Vielleicht können Sie von ihnen nicht nur lernen, was Malen, sondern was Leben und zuversichtlich leben heißt: Leben im Vertrauen auf den, den uns Jesus als gute Mutter, als guten Vater zeigt. Leben im Vertrauen darauf, dass Gott, unser Bild wichtig ist, und er am Ende auch den passenden Rahmen dafür hat, und einen Platz bei sich.

Ich wünsche Ihnen Mut und Freude zum Leben in diesem Jahr, Mut zum Zeichnen und Malen ohne Radiergummi. Dass sie neben dunklen und gedeckten Farben, die es geben mag, auch viele spritzige, fröhliche Farbtupfer setzen können. Ich wünsche ihnen Phantasie und dass jede und jeder von uns seinen Stil und sein Tempo finden. Malen sie mutig weiter an ihrem Lebensbild im Vertrauen darauf, dass Gott sie auch in diesem Jahr begleitet.

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen

Persönliche Vorschläge für Sie