Friedrichshafen ist die Wiege der Dampfschifffahrt

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Schwäbische Zeitung
Jürgen Oellers

Am Anfang war der Einbaum. Als einfach herstellbares Verkehrsmittel stellte er schon seit der Besiedlung des Bodenseeufers die zweckmäßige und übliche Fortbewegungsmöglichkeit auf dem Bodensee dar. Mit der keltischen und vor allem der römischen Schiffsbauweise kamen dann bis zu Beginn des 5. Jahrhunders neuartige Schiffe auf den Flüssen und Binnenseen zum Einsatz, wovon jedoch keine Relikte für das Bodensee-Gebiet erhalten geblieben sind. Ab dem Mittelalter gibt es die bis etwa um 1900 herum gültigen Bodensee-Schiffe größerer (Lädinen) und kleinerer (Segmer) Statur.

Mit dem technischen Fortschritt kamen Anfang des 19. Jahrhunderts verbesserte Dampfmaschinen und mit ihr die Dampfschifffahrt auf. Zunächst war es der aus Zürich stammende Spinnereifabrikant und Tüftler Johann Caspar Bodmer, der 1817 in Konstanz den Versuch unternahm, das erstes Dampfboot für den Bodensee zu bauen. Das Projekt scheiterte aber noch aufgrund zu schwacher Motorenleistungen. Die Konstanzer Ausflugsgesellschaft staunte nicht schlecht, als sie die begonnene Dampfboot-Fahrt nach Meersburg zurückrudern mussten.

Erfolgreicher ging man die Einführung der Dampfschifffahrt wenige Jahre später in Württemberg an. Entscheidenden Anteil an der Einführung der Dampfschifffahrt in Friedrichshafen hatte der Schweizer Philosoph und Schriftsteller Carl Victor von Bonstetten, ein als exzellenter deutsch- und französischsprachiger Schriftsteller Universalgelehrter und Kosmopolit höchsten Ranges. Da er sich als aufgeklärter und liberaler Schriftsteller modernen Gedanken stets aufgeschlossen zeigte und sogar technisches Interesse, auch hinsichtlich der Dampfschifffahrt, zeigte, konnte er im Jahr 1822 König Wilhelm I. von Württemberg überzeugen, den US-Konsul Edward Church mit dem Bau eines Dampfboots für den Bodensee zu beauftragen. Damit besaß der Genfer Weltbürger von Bonstetten entscheidenden Anteil an der Einführung der Dampfschifffahrt auf dem Bodensee.

König Wilhelm I. von Württemberg erteilte auf Zuraten Bonstettens am 31. Oktober 1823 Edward Church den Auftrag, auf der Friedrichshafener Werft ein Dampfboot zu bauen. Damit war neben dem unermüdlichen Ideengeber Johann Friedrich von Cotta ein für die Konstruktion von Dampfbooten erfahrener Ingenieur hinzugekommen, der zusammen mit dem französischen Bootsbauer Mauriac aus Bordeaux ein kongeniales Team bildete. Bau mit Aktien finanziert

Zum Zweck des Baus von Dampfbooten wurde schließlich am 3. Juli 1824 in Friedrichshafen auf Aktien-Basis eine „Dampfboots-Gesellschaft“ gegründet, um den Bau von Dampfschiffen finanzieren zu können. Seite an Seite lagen dann seit dem Frühjahr auf dem Friedrichshafener Schiffsholm zwei Dampfschiffe im Bau: Das an Edward Church vom württembergischen König am 31. Oktober 1823 in Auftrag gegebene Dampfschiff „Wilhelm“ und das ebenso von Church gefertigte, aber überwiegend vom Freiherrn von Cotta finanzierte bayerische Dampfboot „Max Joseph“.

Beide Dampfschiffe wurden fast zeitgleich fertig. Die „Wilhelm“ nahm am 1. Dezember 1824, nur ganze zwei Tage früher als die „Max Joseph“, ihre regelmäßigen Dienstfahrten auf. Auf Anregung der Aktiengesellschaft erfolgte im Beisein des Königspaares am 17. August 1824 die feierliche Taufe des ersten funktionstüchtigen Bodensee-Dampfschiffs auf den Namen „Wilhelm“. Die erste Probefahrt am 10. November 1824, die von Friedrichshafen nach Langenargen und zurück führte, wurde von einer begeisterten Menschenmenge mit dem erstaunten Ruf „Er goht, er goht!“ begleitet. Für die Hinfahrt nach Langenargen benötigte die „Wilhelm“ eine Stunde, für die Rückfahrt 40 Minuten.

Die Fahrt nach Rorschach am darauf folgenden Tag legte das Dampfboot in dreieinhalb Stunden zurück, während das bis dahin verkehrende Paket-Segelboot für dieselbe Strecke die doppelte Zeit benötigte. Ab dem 1. Dezember 1824 befuhr die „Wilhelm“ regelmäßig die Route von Friedrichshafen nach Rorschach zunächst viermal wöchentlich. Hinzu kamen sonntägliche „Lustfahrten“ und gelegentliche Transportfahrten zu anderen Uferorten. Maschine kommt aus England

Die „Wilhelm“ wies eine Länge von 30,6 Metern, im Hauptspant eine Breite von 5,37 und über den Radkästen eine Gesamtbreite von 10,8 Metern auf. Angetrieben wurde das Dampfboot von einer Niederdruck-Dampfmaschine der Firma Fawcett & Co. aus Liverpool. Ihre Leistung von 21 PS ermöglichte eine Maximal-Geschwindigkeit von 10,5 Stundenkilometern. Die Traglast belief sich auf 124 Fahrgäste plus 800 Zentner Fracht, wovon die Hälfte Feuerholz ausmachte.

Der wirtschaftliche Nutzen der ersten Dampfboote war jedoch nicht von Anfang an gesichert; erst im Laufe der folgenden Jahrzehnte erwies sich die ab 1850 verstaatlichte württembergische Dampfschiff-Flotte als gewinnträchtiges Unternehmen.

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