Friedrichshafen fährt mit Dampf in eine neue Ära

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Schwäbische Zeitung
Hartmut Semmler

Die Beschlüsse des württembergischen Landtags zum Eisenbahnbau der 1840er-Jahre machen deutlich, wie rasch verkehrspolitische Entscheidungen umgesetzt werden können, wenn ein dezidierter politischer Wille greift. Die technische Planung und der Bau der Bahnlinie von Stuttgart nach Friedrichshafen gingen von 1843 bis 1850 zügig von Statten – im Unterschied zu nicht minder wichtigen Folgeprojekten, die länderübergreifende Koordination erforderten, wie die Bodenseegürtelbahn ein halbes Jahrhundert später.

Der repräsentative Stadtbahnhof wurde am 8. November 1847 mit dem ersten Teilstück der Südbahn Friedrichshafen – Ravensburg eröffnet. Das Königreich Württemberg hatte somit als erstes Land mit der Eisenbahn den Bodensee erreicht. Bereits im Folgejahr, am 1. Juli 1848, wurde – neben Cannstatt, Esslingen und Heilbronn – im Bahnhofsbereich ein Ausbesserungswerk der Königlich Württembergischen Eisenbahn in Betrieb genommen. Dieser Betrieb blieb bis zur Zeppelin-Ära größter Arbeitgeber am Ort.

Die in Friedrichshafen endende württembergische Südbahn sollte durch eine Gleisverbindung vom Stadtbahnhof zum See ein direktes Umladen vom Schiff auf die Bahn ermöglichen. 1850 konnte der erste, an den Ostgiebel des ehemaligen Salzstadels angebaute Hafenbahnhof bezogen werden. Es handelte sich um einen schlichten Anbau mit Satteldach an die Ostfront des großen Salzstadels. Mittels einer Drehscheibe konnten Waggons in das kleine Gebäude einfahren.

Der erste Schweizer Bahnanschluss an den Bodensee erreichte 1855 von Zürich her Romanshorn. Östlich der Bahngleise beim Hafenbahnhof entstanden nun bis zum Ende der 1860er-Jahre zahlreiche Lagerhäuser des expandierenden Speditionsgewerbes. 1869 nahm die Eisenbahntrajektlinie Friedrichshafen – Romanshorn ihren Betrieb auf.

1885/86 trat an der Stelle des ersten einfachen Hafenbahnhofs ein repräsentativer Neubau im altdeutschen Stil mit Fachwerkfronten und seeseitigen Erkern. Im Obergeschoss befand sich ein Restaurant mit Terrasse. Der gestiegene Fremdenverkehr machte eine solche Lösung erforderlich. In dieser Gaststätte pflegten in der Folge auch gern die württembergischen Könige mit ihren Gästen zu speisen.

Bereits am 29. Dezember 1873 war durch einen Staatsvertrag zwischen Baden und Württemberg der letzte Abschnitt der Bodensee-Gürtelbahn von Friedrichshafen nach Überlingen beschlossen worden. Er erforderte technisch aufwendige und planerisch umstrittene bauliche Lösungen im Bereich Zeppelin- und Schmidstraße und bei der „Löwenunterführung“. Am 2. Oktober 1901 wurde die Strecke im Beisein von König und Großherzog eröffnet.

Durch die Eisenbahn und das damit gestiegene Transportaufkommen wurde der wirtschaftliche Aufschwung in Friedrichshafen speziell ab 1871, dann nochmals gesteigert ab 1905 vorangebracht. Die Stadt galt um 1900 für kurze Zeit als süddeutscher Eisenbahnknotenpunkt wegen der neuen Ost-West-Verbindung durch die Bodenseegürtelbahn in Kombination mit dem Eisenbahntrajekt nach Romanshorn.

Episode blieb die 1922 in Betrieb genommene und 1960 eingestellte Teuringertalbahn, die sich zu keiner Zeit rentabel betreiben ließ. Bedeutung erlangte sie für die Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg beim Transport von Arbeitskräften. Gleichfalls als Produkt militärischer Überlegungen kann die im Volksmund „Mussolinibahn“ genannte Stichtrasse nach Süden durch den Seewald gelten, die 1939 auf Weisung des Reichkriegsministeriums gebaut wurde und eine direkte Verbindung zwischen der Bahnlinie Ulm – Friedrichshafen und der Bodenseegürtelbahn herstellte.

Die letzte große Umgestaltung des Bahnhofsquartiers in Friedrichshafen mit Auswirkung bis in die Gegenwart fiel in die Jahre 1929 bis 1933, als der Güterbahnhof in die Nordstadt verlegt wurde und anschließend ein neuer, damals hoch moderner Hafenbahnhof im so genannten Bauhausstil entstand. Dessen Eröffnung fiel bereits in die Zeit des Nationalsozialismus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Friedrichshafen zunehmend an Bedeutung als Eisenbahnstandort. Der Eisenbahntrajektverkehr von Friedrichshafen nach Romanshorn wurde 1976 eingestellt, das große Hafenbahnhofsgebäude blieb bis 1988 in Funktion und kam dann zur Stadt Friedrichshafen, die es von 1993 bis 1996 zum Zeppelin Museum umbauen ließ. Das Eisenbahnbauausbesserungswerk war zunächst wichtig für die französische Besatzungsmacht, die Auslastung ging jedoch ab 1952 kontinuierlich zurück, bis das Werk 1970 geschlossen wurde. Über einen Zeitplan für die Elektrifizierung der Südbahn, die ursprünglich zu den bedeutendsten Linien im württembergischen Königreich zählte, ist bis heute nicht abschließend entschieden.

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