Freiheit unter Baumwipfeln: Waldkindergärten in Mode

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Deutsche Presse-Agentur

Holz, Steine und Wurzeln sind das Spielzeug, Baumstämme und Blätterdach bilden den Gruppenraum: Waldkindergärten setzen auf das Naturerlebnis. Bislang ist das Konzept in Deutschland wenig bekannt, doch die Beliebtheit nimmt zu, wie ein Beispiel aus Köln zeigt.

Der vierjährige Fiete steht an einem morschen Baumstumpf in dem kleinen Waldstück in der Nähe des Decksteiner Weihers. Eingepackt in seine wärmende und wasserdichte Kleidung erinnert er an einen Teletubbie mit roter Anglerhose. In seiner Hand hält Fiete ein Holzstück, mit dem er ohne Unterlass den alten Stumpf bearbeitet. „Ich will den Baum klein sägen“, sagt er. Fiete ist eines von 22 Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren, die den Waldkindergarten „Waldzwerge“ in Köln besuchen.

Jeden Morgen zwischen acht und halb neun bringen die Eltern ihre „Waldzwerge“ zu einem grünen Bauwagen, wo sie von den Erzieherinnen bereits erwartet werden. Nachdem die kleinen Rucksäcke am Bollerwagen verstaut wurden, wird noch schnell „tschöö“ gesagt und schon geht es auf zum Spielen zwischen Bäumen, Wurzeln, Büschen und Felsen. Sobald alle Kinder eingetrudelt sind, ruft die Morgenglocke zur großen Begrüßungsrunde in den Bauwagen.

Minuten später geht es wieder zurück in den schönsten Gruppenraum, den Kindergartenkinder sich vorstellen können: den Wald. Vögel zwitschern und überall der Geruch von Holz und Erde. Im Alltag der Kinder ist der Forst mit allen Sinnen spürbar und nicht nur Dekoration in Form einer Fototapete. „Ein Kindergarten im Wald ganz ohne Strom- und Wasserversorgung fordert uns zu ganz speziellen pädagogischen Ansätzen heraus“, erklärt Leiterin Martina Schaab. „Schließlich sind wir bei Wind und Wetter an der frischen Luft.“

Die Idee für Wald- und Naturkindergärten stammt aus Skandinavien, wo das Konzept bereits seit 1951 fest etabliert ist. Trotz einer stetig steigenden Nachfrage an Plätzen in Waldkindergärten, sind die Einrichtungen in Deutschland noch nicht wirklich bekannt. Rund 350 folgten bundesweit seit der Premiere in Flensburg im Jahr 1993. Schaab: „Auf einen Platz haben wir mindestens fünf Anfragen, bisweilen haben wir hier sogar Schwangere, die sich noch vor der Geburt ihrer Kinder um Plätze bewerben. Deshalb sind wir sehr froh, dass wir seit dem vergangenen Jahr eine zweite Gruppe mit 19 Plätzen für Kinder ab zwei Jahren eröffnen konnten.“

Waldkindergärten sind mehr als einfache Kindergärten im Wald. „Wir sind nicht nur „Wald“, sondern auch „Wild“, betont Martina Schaab. Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass es bei den „Waldzwergen“ wild zugeht. Im Gegenteil: Grenzen, Strukturen, feste Rhythmen und Autorität sind unverzichtbar. Das Attribut „wild“ bezieht sich vielmehr auf das pädagogische Konzept, welches in den 1970er Jahren in Ecuador von dem Ehepaar Mauricio und Rebeca Wild ins Leben gerufen wurde. „Ziel des Konzepts ist eine aktive Erziehung der Kinder, getreu den Leitsätzen 'Hilf mir es selbst zu tun' von Maria Montessori und 'Lasst mir Zeit' von Emmi Pikler.“

Bei ihrem täglichen Spiel im Wald spielen Kunststoff-Puppen und fertige Spielzeuge wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr werden Rohmaterialien wie Fietes Holzklotz, Steine, Äste und Wurzeln alleine durch schöpferische Fantasie der Kinder zu Werkzeugen, Raumschiffen und Räuberhöhlen. Geduldig schlendern und toben die Mädchen und Jungen auf ihren täglichen Wanderungen kreuz und quer durch den Wald und man spürt deutlich: Hier ist der Weg das Ziel. „Auf diese Weise lernen sich die Kinder am besten kennen und erfahren wer sie sind.“

Bei aller Romantik und Freiheit unter den Baumwipfeln müssen sich die Waldkindergärten aber auch bildungspolitischen Vorgaben auseinandersetzen, wie Martina Schaab zu berichten weiß: „Das Kinderbildungsgesetz und die Sprachstandsfeststellung 'Delfin4' sind große Herausforderungen für uns - und zwar pädagogisch wie organisatorisch.“ Denn durch die sukzessive Früheinschulung und die finanzielle Notwendigkeit, die Gruppen auch mit den Kindern unter drei Jahren zu verjüngen, würden die Kindergärten zunehmend verschult. „Und dies wird unserem Leitbild 'Lasst mir Zeit' nicht mehr gerecht.“

Kindergarten „Waldzwerge“ in Köln: www.waldzwerge.de

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