Frankreich: Pfeifkonzert löst Debatte aus

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Schwäbische Zeitung

Brief aus Paris von Karin Finkenzeller

„Skandal“, ruft der Staatschef und beruft eine Krisensitzung ein. Die Zeitungen sprechen auf ihren Titelseiten von „Schande“ und „Staatsaffäre“. Nein, es geht nicht um die Bankenkrise. Vor dem Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Tunesien haben Fußballfans maghrebinischer Herkunft die französische Nationalhymne mit einem Pfeifkonzert begleitet.

Die Antwort der Staatsmacht ist hart: Wenn so etwas noch einmal passiert, wird die Partie sofort abgebrochen. Die Innenministerin fordert eine strafrechtliche Verfolgung der Pfeifer. Der Sportstaatssekretär überlegt, Freundschaftsspiele gegen nordafrikanische Mannschaften nicht mehr in Frankreich, oder zumindest nicht im „Stade de France“ nördlich von Paris abzuhalten, wo viele Einwanderer leben.

Dass acht von zehn Franzosen das Pfeifkonzert in einer Blitzumfrage verurteilten, liegt auch daran, dass Patriotismus in Frankreich nichts ist, wofür man sich rechtfertigen müsste, und die Symbole der Republik höchste Wertschätzung erhalten. Die Militärparade zum Nationalfeiertag am 14. Juli bringt so viele Schaulustige auf die Straße wie in Deutschland nur der Karneval am Rhein.

Ein Kollege des Radiosenders „France Info“ machte den nicht ernst gemeinten Vorschlag, man solle die Nationalhymne während der Halbzeitpause spielen lassen, wenn sich die Fans mit Bier und Sandwiches stärken. Mit vollem Mund könne keiner pfeifen. Oder man solle André Rieu einladen. Dessen Gefiedel besänftige doch alle Gemüter.

Aber Spaß beiseite, der Zwischenfall hat eine neue Debatte über die Integration von Ausländern losgetreten. Soziologen und die politische Linke hörten aus dem Gepfeife einen Protest gegen die Diskriminierung im Alltag heraus. Tatsächlich lassen nicht wenige Zuwanderer Vor- oder Familiennamen ändern, um bei Bewerbungen nicht gleich aussortiert zu werden.

Die „Marseillaise“ auszupfeifen, ist der falsche Ansatz. Das Revolutionslied, während des Kaiserreichs und der Restauration verboten, steht für die Gleichheit. Im 19. Jahrhundert wurde sie zur Hymne der Freiheits- und Arbeiterbewegungen. Ist darauf auch gepfiffen?

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