Forscher: Keine Gewalt durch Computerspiele

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Deutsche Presse-Agentur

Computerspiele werden aus Sicht des Medienforschers Johannes Fromme allzu oft vorschnell für reale Gewaltexzesse wie den Amoklauf in Winnenden und Wendlingen verantwortlich gemacht.

„Man merkt jetzt, dass die Diskussionen nach einem bekannten Muster ablaufen, aber nicht fundiert“, so der Professor für Erziehungswissenschaftliche Medienforschung an der Universität Magdeburg. „Es war klar, dass das Argument mit den Computerspielen kommt.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass ein 17-Jähriger Spiele wie Counter Strike auf dem Rechner habe, sei relativ hoch. „Eigentlich ist das normal.“

Die Mehrheit der Forscher interessiere sich inzwischen für die Frage, warum Jugendliche Computerspiele spielen und nicht mehr, was die Spiele mit den Jugendlichen anstellten, sagte Fromme. Er organisiert noch bis zu diesem Samstag in Magdeburg eine internationale Tagung zum Stand der Computerspieleforschung.

„Die Faszination von Computerspielen hat etwas zu tun mit der Interaktivität, die neu ist und eine andere Erfahrung als beim Film.“ Die jungen Menschen erlebten sich selbst als jemanden, der etwas bewirken kann, was er im Alltag oft nicht könne. „Gerade Leute, die eher unauffällig und still sind, sich nichts trauen, haben da ein Feld - und das ist erstmal etwas Positives - wo sie erleben, dass es Wirkung hat, was sie machen.“ Zudem gehe es mit Gewalt und Aggressivität um Themen, die die Jugendlichen interessieren und die anderswo weniger aufgegriffen würden.

Wichtig sei es, den jungen Menschen den Umgang mit Computerspielen beizubringen. „Das lernt man vor allem in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen, über die Resonanz von anderen, die mir wichtig sind. Die wichtigen Partner können auch im Internet sein.“ Wichtig sei hier auch die Arbeit der Schulen, sagte Fromme. „Bisher tut die Schule nicht so sehr viel dafür. Sie müsste da mehr tun, auch in der Ausbildung der Lehrer tauchen Medien nicht sehr häufig auf.“

„Ob man damit Geschehnisse wie in Winnenden verhindern kann, ist eine andere Frage. Ich glaube nicht, dass das nur an mangelnder Medienkompetenz lag, was da passiert ist.“ Im Abschlussbericht des Amoklaufes von Erfurt im Jahr 2002 habe sich dieses einfache Erklärungsmuster nicht bestätigt. „Da wird doch vieles, was erst heiß diskutiert worden ist, relativiert.“ Der damalige Täter habe zwar Gewaltspiele auf dem Rechner gehabt, sei aber kein exzessiver Computerspieler gewesen. Auch bei dem 17 Jahre alten Amokläufer aus Winnenden hatten Fahnder Killerspiele gefunden und einen deutlichen Zusammenhang zu dem Blutbad hergestellt.

Pauschalen Forderungen, Computer generell aus Kinder- und Jugendzimmern zu verbannen, erteilte Fromme eine Absage. „Das würde ich für unsinnig halten, weil ein Computer ein multimediales Gerät ist, das für alles Mögliche verwendet werden kann.“ Dazu gehöre, Filme abzuspielen, Radio zu hören und zu telefonieren oder Bücher zu lesen. „Natürlich müssen junge Leute lernen, mit dem Computer und den Risiken, die er birgt, umzugehen. Da gilt das gleiche wie im Straßenverkehr oder beim Umgang mit dem anderen Geschlecht.“

Tagung zur Computerspiele-Forschung: www.ovgu.de/gamecultures

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