Feature: Schusswechsel beendet Amoklauf

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Deutsche Presse-Agentur

Als sie die Polizisten sieht, ist für Sema Yanik klar, um was es geht. Die Kassiererin an einer kleinen Tankstelle im Industriegebiet von Wendlingen im Kreis Esslingen sagt: „Ich wusste, das muss etwas mit dem Amoklauf zu tun haben.“

Eine Straße weiter stirbt am Mittwochmittag der 17-jährige Tim K. vor einem VW-Autohaus. Der Amokschütze hatte zuvor 40 Kilometer entfernt in Winnenden neun Schüler, drei Lehrerinnen und einen Passanten erschossen. Auch in Wendlingen setzt er auf der Flucht seine blutige Spur fort. In dem Autohaus verlangt er einen Wagen und eröffnet mit seiner Pistole wieder das Feuer. Zwei Angestellte sterben im Kugelhagel.

Der 17-Jährige hatte in Winnenden einen VW Sharan gestoppt und den Fahrer gezwungen, ihn mitzunehmen. In Wendlingen lässt er seine Geisel laufen und flüchtet durch das Industriegebiet. Der freigelassene Mann informiert die Polizei.

Vor der Tür des Autohauses kommt es am Mittag zum Schusswechsel des Amokläufers mit der Polizei. Der 17-Jährige verletzt zwei Polizisten schwer. „Warum er gerade hierher gekommen ist, wissen wir auch nicht, es gibt da bisher keine Verbindung“, sagt Polizeisprecher Hans-Dieter Wagner am Tatort.

„Ich hab' einen Schuss gehört“, berichtet Isuf Tahiri. Der 15-Jährige wohnt in der Nachbarschaft und steht jetzt mit ein paar Freunden vor dem Absperrband, das den Tatort weiträumig abriegelt. Ein älterer Mann will von Polizeibeamten wissen, ob sein Neffe gesund ist und noch lebt. Schließlich arbeitet der in dem Autohaus.

Isufs Bruder Tarzan sagt, er habe den Amokschützen sogar über einen Supermarkt-Parkplatz laufen sehen. „Dann hat mich die Polizei verscheucht.“ Sema Yanik erzählt, sie habe keine Angst gehabt. „Ich hätte mein Kassenhäuschen im Notfall abgeschlossen“, sagt die Kassiererin. „Aber es ist komisch: Als ich das heute morgen zum ersten Mal gehört hab, kam mir das unendlich weit weg vor.“

In einer Bäckerei gegenüber sind die Gemüter auch vier Stunden nach der Schießerei noch immer erhitzt. „Die haben ja im Radio gesagt, der Amokschütze sei hier 'rein gelaufen. Aber ich hab keinen gesehen“, sagt eine Verkäuferin. Jeder Kunde will heute nicht nur Brot, sondern auch wissen: „Sag mal, wie war das, heute Mittag?“

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