Familienferien trotz Krise wichtiger denn je

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Deutsche Presse-Agentur

Für Familien mit Kindern ist die Ferienreise oft der Höhepunkt des Jahres. Zwei Wochen zusammen an die Nordsee oder zum Wandern in die Alpen: Darauf freuen sich Groß und Klein meist schon Monate vorher.

In der momentanen Wirtschaftskrise sind es aber gerade die Familien, die mit der Entscheidung für ihren Urlaub zögern, haben Marktforscher ermittelt: Bereits seit dem Herbst 2008 buchen Familien „markant weniger Reisen“ in den deutschen Reisebüros, heißt es in einer aktuellen Untersuchung der GfK aus Nürnberg. Auf den gemeinsamen Urlaub zu verzichten oder ihn massiv zu beschneiden, ist aus Sicht von Psychologen und Theologen aber auch keine Lösung.

Familienurlaub sei als „Schmiermittel für den Alltag“ heute wichtiger denn je, erklärte Karl-Heinz Jaworski, der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Familienerholung. Denn dieser Alltag sei inzwischen oft „wie eine Wechselschicht: Wann wird denn noch zusammen gegessen?“, fragte der Experte. Häufig haben Familien auch damit zu kämpfen, dass Alleinverdiener aus beruflichen Gründen regelmäßig nicht bei ihnen sind. Und wenn sie doch da sind, „fehlt ihnen die Kraft, sich den anderen zuzuwenden“, sagte Bischof Gerhard Ulrich von der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Ein Urlaub biete da die gute Chance, „wieder zu sich selbst zu kommen“.

Doch genau das ist aus Expertensicht bei manchen Familien in Gefahr. Zwar lasse sich nicht davon sprechen, dass nicht mehr gereist wird, sagte Wybcke Meier, Vorstandsmitglied im Deutschen Reiseverband (DRV). Die Verunsicherung sei aber groß: „Bisher mussten Familien spätestens im Januar buchen, um nicht auf Last-Minute-Schnäppchen angewiesen zu sein.“ Nun warteten auch sie mit dem Buchen zunehmend ab, sagte die Öger-Tours-Managerin. Und die Familienreisen werden 2009 tendenziell etwas kürzer, wie die GfK-Repräsentativbefragung in rund 1200 Reisebüros ergeben hat. Auch Jaworski beobachtet, dass „oft nur noch 8 oder 9 Tage gebucht werden“. Um sich wirklich zu erholen, bräuchten Familien jedoch 14 Tage oder besser drei Wochen am Stück.

Wie können sich Familien ihre Auszeiten nun also erhalten? Bischof Ulrich forderte, es jetzt gerade wirtschaftlich schwach gestellten Familien und Alleinerziehenden zu ermöglichen, mal rauszukommen aus ihrem Alltag: Länder, Kommunen und Verbände dürften sich „nicht aus der Förderung dieser Lebenszeiten zurückziehen“.

Eine andere Strategie könnte sein, tatsächlich kürzer zu reisen, wenn das Geld nicht für zwei Wochen reicht. Der Psychologe Herbert Beckmann winkt aber ab: „Ich glaube nicht an den 'Turbourlaub'. Die Erholung von 14 Tagen in 8 zu erreichen, geht nicht.“ Vielmehr müssten sich Familien überlegen, was sie in ihre Zeit vernünftigerweise hineinstecken. Urlaub dürfe dabei „nicht als Prestigeobjekt gesehen werden“. Soll heißen: Statt einer kurzen Tour in die Ferne ist ein längerer Urlaub, der näher am jeweiligen Heimatort verbracht wird und genauso viel kostet, eher zu empfehlen.

Denn bei den eher kurzen Reisen lauern aus Sicht der Fachleute so manche Tücken. Der Druck sei dann sehr groß, „die Zeit möglichst perfekt zu gestalten - und dann sind die Leute schon verstört, wenn das Wetter mal schlecht ist“, beobachtet Bischof Gerhard Ulrich. Auch Karl-Heinz Jaworski warnte davor, in den Urlaub zu viel hineinzupressen: „Familie muss auch einfach mal Familie sein können.“

Vor allem aber sollte es am Ferienort nicht so weiterlaufen wie im Alltag zu Hause - nämlich getrennt voneinander. „Mama geht in den Wellnessclub, der Papa lernt Golf spielen, und die Kinder sind im Miniclub“: So sehen nicht selten die ersten Tagen in einer Clubanlage aus, ist die Erfahrung von Wybcke Meier. Aber meist ändere sich das mit der Zeit, und am Ferienende wird dann mehr zusammen unternommen.

Psychologe Bergmann rät außerdem, Konflikte innerhalb der Familie während des Urlaubs nicht auszusperren, sondern zuzulassen. Denn auch für Konfliktbewältigung sei in der Regel keine Zeit, wenn im Alltag zu Hause alle immer unterwegs sind. Den Streit am Ferienort geradezu zu suchen, um ihn aus der Welt zu schaffen, sei aber auch nicht ratsam: „Man darf auch in dieser Frage nicht perfekt sein wollen.“

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