Familien-Coach Felicitas Römer zu Kindererziehung und Elternberatung: "Jedes Kind ist anders, jede Erziehung ist anders"

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Schwäbische Zeitung

SZ: Sie haben das Buch „Ich bin keine Super-Mama. Schluss mit dem schlechten Gewissen“ geschrieben. Was hat Sie dazu veranlasst?

Römer: Während meiner Tätigkeit als Beraterin beim Elterntelefon sind mir immer wieder Mütter begegnet, die ein schlechtes Gewissen hatten. Sie fragen sich, ob sie alles richtig machen und dem Kind geben, was es braucht. Umgekehrt ist mir eine Mutter begegnet, die kein schlechtes Gewissen hatte, obwohl ihre Kinder vom Jugendamt aus der Familie herausgenommen wurden. Es hat mich interessiert, warum ausgerechnet die Mütter, von denen jeder sagt, das sind gute und engagierte Mütter, ein schlechtes Gewissen haben. Während Frauen, die ihre Kinder vernachlässigen, oft keines haben.

SZ: Welche Antwort haben sie darauf gefunden?

Römer: Um als Mutter Schuldgefühle entwickeln zu können, muss man ein Bewusstsein dafür haben, was Kinder brauchen. Wer in der eigenen Kindheit nicht erfahren hat, was Liebe, Zuwendung und gute Versorgung bedeuten, kann nicht einschätzen, was Kinder tatsächlich brauchen. Umgekehrt ist es so, dass Eltern, die einen hohen Anspruch an sich selber haben, ihr Verhalten und die Reaktion der Kinder daran messen – und das klafft im Leben manchmal auseinander...

SZ: ...und dann entsteht das schlechte Gewissen?

Römer: Ja, dabei ist es im Grunde genommen eine tolle Fähigkeit, ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, weil man dann weiß, woran man sich orientiert. Aber im Alltag steht es eben oft auch im Weg.

SZ: „Viele tun es, keiner weiß, wie es geht: Kindererziehung.“ Ein Zitat aus ihrem Buch. Können Sie als vierfache Mutter inzwischen das Gegenteil von sich behaupten?

Römer: Gute Frage (lacht). Jedes Kind ist anders, jede Erziehung ist anders. Jede Familie funktioniert anders. Erziehung wird oft als bewusster Prozess dargestellt. Die wirklich wichtigen Dinge, wie innere Werte, Einstellung und Haltung, die vermitteln wir allerdings unbewusst. Insofern ist es spannend zu analysieren, was vermitteln wir; was landet bei den Kindern – ist es das, was wir weitergeben wollen? Das ist es in der Tat – auch bei mir – manchmal nicht.

SZ: An wen wenden Sie sich, wenn Sie nicht weiter wissen?

Römer: Ich habe diverse Beratungen in Anspruch genommen. Auch Familienberatung. Das ist eine effektive Methode, weil man sich da das Verhalten und die Gefühle aller Familienmitglieder anschaut. Das kann die Augen für Dinge öffnen, die man macht, ohne sie zu reflektieren.

SZ: Was für ein Klientel sucht bei Ihnen Hilfe?

Römer: Das ist sehr gemischt. Es sind Eltern, die sich mit der Erziehung ihrer Kinder auseinandersetzen oder unter starkem Leidensdruck stehen. Sie kommen sowohl aus der höheren Schicht und gebildeten Häusern als auch aus ganz einfachen Verhältnissen.

SZ: Worunter leiden die heutigen Eltern am meisten?

Römer: Schule und schlechte Noten der Kinder sind ein zentrales Thema. Oder die Kinder fallen in der Schule auf und die Eltern fühlen sich hilflos, weil sie das Gefühl haben, sie können nicht viel ändern, weil sie nicht dabei sind, wenn ihr Kind sich auffällig verhält. Umgekehrt leiden auch Eltern von Mobbing-Opfern. Andere Eltern melden sich, weil ihr Kind Drogen nimmt oder weggelaufen ist.

SZ: An wen können sich Eltern wenden, wenn sie professionellen Rat brauchen?

Römer: Ich kann guten Gefühls das Elterntelefon als anonyme und kostenlose Hotline (0800-1110550) weiterempfehlen. Der Vorteil des bundesweiten Telefons ist, dass die Eltern im akuten Fall sofort Entlastung erfahren. Erziehungsberatungen von Einrichtungen wie der Diakonie sind auch oft hilfreich, in der Regel aber mit Wartezeit verbunden. Familientherapie oder -beratung ist hingegen eher für einen längeren Zeitraum angelegt, muss meist bezahlt werden und geht in die Tiefe. Die ganze Familiensituation wird betrachtet. Wenn man dazu bereit ist, kann ich nur dazu raten. Ratsuchende sollten aber unbedingt darauf achten, ob sie sich in der Situation mit dem Berater wohl und ernst genommen fühlen. Wenn das nicht der Fall ist, sollten sie sich jemand anderen suchen.

SZ: Wie sieht in Ihren Augen die perfekte Erziehung aus?

Römer: Die gibt es nicht. Erziehung hat viel mit Beziehung und Gefühlen zu tun. Und die verändern sich. Erziehung ist kein linearer Prozess. Ich glaube, es ist wichtig, dass man wach und aufmerksam bleibt – für das Kind und sich selber. Ich halte die Fähigkeit, sich selbst betrachten und kritisieren zu können, für sehr wichtig. Immer zu sagen, das Kind macht nicht, was ich will und ist schuld an unseren Problemen, ist nicht der richtige Ansatz. Jede Mutter und jeder Vater muss sich überlegen: Was mache ich eigentlich, was erwarte ich von meinem Kind, erwarte ich vielleicht auch zu viel; und wie bringe ich das rüber?

SZ: Welche Entwicklungen erleben Sie in der Familienberatung?

Römer: Mein Eindruck ist, dass sich der Druck auf Eltern ungeheuer erhöht. Die eigenen Ansprüche steigen. Mütter wollen alles unter einen Hut bringen: Beruf, Haushalt, perfekte Kinder, eine tolle Ehe, Fitness-Center und schick aussehen – alles muss funktionieren. Das ist eigentlich unmöglich. Trotzdem wird allen erzählt, dass das geht. Es gibt immer das Paradebeispiel einer berühmten Frau, die alles schafft. An der orientieren sich alle, auch wenn sie sich dadurch unter Druck setzen. Positiv und erfreulich ist hingegen die Entwicklung, dass sich immer mehr Väter melden und Hilfe holen.

SZ: Sind die Väter von heute mutiger?

Römer: Ich hoffe, dass sich hier zart ein neues, verändertes Vaterbewusstsein äußert. Es gibt durchaus immer mehr Männer, die für ihre Kinder mehr sein wollen als der „Ernährer“. Oft fühlen sich junge Väter aufgerufen, es „besser“ zu machen als ihre eigenen Väter, sprich: präsenter zu sein und sich auch emotional um die Kinder zu kümmern. Zum „Sich-verantwortlich-Fühlen“ gehört auch, sich in Notlagen Hilfe von außen zu holen. So interpretiere ich das zumindest.

SZ: Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Wird der Druck, der auf Eltern lastet, weiter zunehmen?

Römer: Ich befürchte es. Was aber meiner Meinung nach auch ein Thema sein wird, ist das Phänomen Patchwork-Familien. Ich bin selbst ein gutes Beispiel dafür: Ich bin Oma geworden, und mein Enkelkind hat jetzt vier Großelternpaare, da mein Mann und ich uns getrennt und beide wieder geheiratet haben und die Eltern des Kindesvaters auch. Das gab es vor ein paar Jahren kaum, nimmt jetzt aber zu. Dadurch werden die Beziehungen immer komplexer. Bei den Kindern können Irritationen entstehen. Kinder fragen sich: Wo gehöre ich hin, wer ist wer? Neutral betrachtet, müssen Kinder immer mehr leisten. Damit werden wir uns in Zukunft mehr auseinandersetzen müssen – sowohl mit den Chancen als auch mit den Schwierigkeiten, die damit verbunden sein können.

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