Faktencheck: Sterben nun wegen Corona mehr Menschen als sonst?

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Leiter Digitalredaktion

BEHAUPTUNG:

Es ist aktuell eine beliebte Behauptung bei Kritikern strenger Corona-Regeln und auch bei Anhängern von Verschwörungsmythen: Das Coronavirus und damit auch die Krankheit Covid-19 sei gar nicht gefährlich. Es würden nicht mehr Menschen sterben als sonst auch. Noch im März kursierten dazu verschiedene Behauptungen und im Internet, die sich unter anderem auf Daten des europäischen Datennetzwerks EuroMOMO bezogen.

FAKTENLAGE:

Die damals verwendeten Zahlen von EuroMOMO waren schon aus methodischen Gründen keine gute Quelle - unter anderem, da der Beginn der Coronawelle noch kurz zurück lag, um Ursache und Wirkung miteinander in Beziehung zu setzen. Heute, im Mai 2020, sieht das anders aus. Weltweit hat die Corona-Pandemie zugeschlagen und es liegen Daten über mehrere Monate vor.

Außerdem ermöglicht der Vergleich der Sterberaten in unterschiedlichen Ländern - und mit unterschiedlich starken Corona-Beschränkungen - mittlerweile auch bessere Aussagen darüber, ob und wie Maßnahmen gegen Corona wirklich den Tod von Menschen verhindern können. Im Gegenzug geben sie Hinweise darauf, ob unterlassene Einschränkungen die Sterberaten in die Höhe schnellen lässt.

Ein Blick auf die Sterberaten in Baden-Württemberg seit Jahresbeginn räumt zunächst einmal mit der grundsätzlichen Behauptung auf, dass in Zeiten von Corona nicht mehr Menschen sterben würden. Relativ schnell ist sichtbar, dass die absoluten Sterbezahlen im Land seit Ende März über dem Durchschnitt der drei Vorjahre liegen. Die Kurve, die auch zu Jahresbeginn völlig im Bereich des Erwartbaren lag, ändert in Zeiten von Corona also rasch ihr Gesicht - allerdings nicht drastisch. Sie zeigt keine Massensterblichkeit und auch für das Gesamtjahr dürfte der Ausreißer im März und April nach oben kaum deutliche Auswirkungen haben. Dass es in Folge von Corona aber keine erhöhten Sterbezahlen gibt, dürfte wiederlegt sein.

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Relativ erstaunlich ist zunächst, dass die Todesfallzahlen gerade zu dem Punkt über die Durschschnittsschwelle steigen, da im Land besonders strenge Maßnahmen gegen Corona eingeführt wurden. Das ergibt allerdings durchaus Sinn.

Erstens, da Covid-19 in der Regel erst nach sieben bis 14 Tagen Symptome zeigt, zweitens, laut Statistischem Bundesamt nur rund 12 Prozent der tatsächlichen Sterbefälle bereits nach einem Tag bekannt werden. Erst nach sieben Tag sind um Bundesschnitt wenigstens 80 Prozent der Todesfälle korrekt erfasst. Es gibt also auch hier eine Verzögerung.

Seit Ende April sinken die Sterbezahlen im Land übrigens wieder. Es liegt zumindest nahe, dies als Folge eines im Sinne der Eindämmung erfolgreichen Corona-Lockdowns zu betrachten. Dieser Zusammenhang wird insbesondere dann deutlich, wenn man die hiesigen Zahlen mit denen anderer Länder vergleicht.

In Großbritannien, das für eine zögerliche und weniger effektive Corona-Politik steht, lag die Zahl der Todesfälle Ende Mitte/Ende April bei 18516 statt 10520 im Schnitt der vergangenen Fünf Jahre - das ist ein Plus von mehr als 75 Prozent

Und in den USA, das aktuell als weltgrößter Corona-Herd gilt und die für mangelhaftes Krisenmanagement stehen, gab es von Anfang März bis einschließlich 4. April rund 15.400 Todesfälle mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum - laut einer Analyse von Washington Post und der Universität Yale.

Auch bei Euromomo, deren Statisiken zu Beginn der Krise als Beleg für die Ungefährlichkeit von Corona misinterpretiert wurden, werden für 24 EU-Staaten aktuell Abweichungen vom Normalbereich der Sterblichkeit berechnet. Derzeit gibt es diese laut Angaben des Deutschlandfunk vor allem in Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Belgien und auch in Schweden.

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