Facebook-Chef muss bei Kreuzverhör nicht schwitzen

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Mark Zuckerberg vor US-Kongress
Im Mittelpunkt: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei seiner Anhörung vor dem US-Kongress. (Foto: Pablo Martinez Monsivais/AP / DPA)
Andrej Sokolow

Es war eine einfache Frage, mit der US-Senator Dick Durbin den Wert der Privatsphäre an Facebook-Chef Mark Zuckerberg persönlich demonstrierte.

„Mister Zuckerberg, würden Sie sich wohl damit fühlen, uns mitzuteilen, in welchem Hotel Sie die vergangene Nacht verbracht haben?“, fragte der 73-jährige Demokrat aus Illinois in der zweiten Stunde der Anhörung zum aktuellen Datenskandal. „Um... Äh...“, entgegnete der überraschte Tech-Milliardär und schien kurz zu überlegen, ob er die Frage beantworten soll, bevor er sie vorsichtig lächelnd mit einem „Nein“ quittierte.

Dann aber vielleicht die Namen der Leute, denen er diese Woche Kurzmitteilungen geschrieben habe, hakte Durbin nach. „Nein, Senator, ich würde wahrscheinlich bevorzugen, das nicht hier in aller Öffentlichkeit zu tun“, entgegnete Zuckerberg mit leicht gereiztem Unterton. „Ich denke, das zeigt, warum es hier eigentlich geht“, resümierte Durbin. In der zweiten Kongress-Anhörung am Mittwoch kam noch ein frappierendes Detail dazu: Auch Informationen von Zuckerberg selbst wurden in den riesigen Datensatz geschwemmt, der im aktuellen Skandal an Cambridge Analytica ging.

Die Politiker hatten angekündigt, den 33-jährigen Facebook-Chef hart ranzunehmen - brachten ihn am Ende aber kaum in Bedrängnis. Vor allem die Senatoren wurden am Dienstag oft von ihrem lückenhaften Wissen über Funktionsweise und Geschäftsmodell von Facebook ausgebremst - und Zuckerbergs gut choreographierten Ausweichmanövern.

„Mein Team wird sich bei ihnen melden“, vertröstete Zuckerberg die Senatoren mehr als ein Dutzend Mal. Zum Beispiel als es um die Frage ging, ob Facebook weiter Daten über die Aktivität der Nutzer sammele, nachdem sie sich auf einem Gerät ausgeloggt haben. Die Formulierung nutzte Zuckerberg aber auch als Hintertürchen, um mancher wirr oder unverständlich formulierten Frage konfliktfrei aus dem Weg zu gehen. Manchmal fragte er aber auch eiskalt nach, was eigentlich gemeint sei - und einige Politiker, die ganz offensichtlich Fragen von ihren in Online-Dingen versierteren Mitarbeitern aufschreiben ließen, gerieten ins Trudeln.

Am Mittwoch hatten die Abgeordneten aus den Erfahrungen ihrer Kollegen gelernt und unterbrachen Zuckerberg munter, wenn er zu langatmigen Erklärungen ausholte. Das Limit von vier Minuten pro Ausschussmitglied - eine Minute weniger als am Vortag - machte ihm das Spiel auf Zeit aber einfacher.

Zuckerberg galt lange als jemand, der nicht so gut mit dem Druck kontroverser Fragen in der Öffentlichkeit klarkommt. Als Beispiel dafür oft bemüht wird sein Auftritt auf der Konferenz des Technologieblogs „All Things D“ vor acht Jahren. Damals lief ihm der Schweiß das Gesicht herunter, bis er schließlich aus seinem Kapuzenpulli pellen musste. Doch seitdem brachte Zuckerberg Facebook an die Börse, sammelte Erfahrung als Konzernlenker, wurde zweifacher Vater und steuert das Online-Netzwerk durch die wohl schwerste Krise. Vor den Ausschüssen zeigte er nun, dass er US-Politikern ganz gut standhalten kann. Der Auftritt war gründlich vorbereitet - bis hin zu einem dicken Sitzkissen auf Zuckerbergs Sessel, durch das er höher über den Tisch vor ihm hervorragte.

Dabei war Zuckerberg am Dienstag zunächst sichtlich nervös. Seine Stimme zitterte leicht als er abermals Fehler einräumte und sich entschuldigte. Mit der Zeit wurde er zunehmend mutiger, widersprach Senatoren und fiel ihnen zum Teil auch ins Wort. Dabei wiederholte er gebetsmühlenartig, dass Facebook keine Nutzerinformationen verkaufe, sondern Werbekunden nur selbst den Zugang zu Mitgliedern ermögliche - und die Daten den Nutzern gehörten. Die Nachfrage des Senators Jon Tester, wie es dann komme, dass Facebook das Geld mit diesen Daten mache und die Nutzer sie höchstens löschen lassen können, blieb in der Luft hängen.

Dabei wurden in der Anhörung auch durchaus wichtige Fragen aufgeworfen. Gibt es überhaupt noch Alternativen, zu denen ein Facebook-Nutzer wechseln könne, wollte der republikanische Senator Lindsey Graham wissen. „Wenn ich einen Ford kaufe und er nicht gut funktioniert und ich ihn nicht mag, kann ich einen Chevy kaufen“, illustrierte Graham seinen Gedanken politisch korrekt mit einheimischen Automarken. Er fühle sich ganz bestimmt nicht in einer Monopol-Position, entgegnete Zuckerberg und verwies auf andere Apps, die Nutzer installiert hätten. Das Problem allerdings ist, dass viele andere soziale Netzwerke mit einem ähnlichen Konzept wie Facebook in den vergangenen Jahren aus dem Geschäft gegangen sind, weil Nutzer zu dem großen Konkurrenten abwanderten oder die Dienste von Facebook aufgekauft wurden.

Der Republikaner John Kennedy gab Zuckerberg eine klare Kritik mit auf den Weg: „Ihre Nutzungsbedingungen sind Mist.“ Das Ziel des Textes sei, Facebook rechtlich abzusichern - und nicht die Nutzer über ihre Rechte zu informieren. „Ich würde vorschlagen, dass sie nach Hause gehen und das neu schreiben“, sagte der 66-jährige Senator aus Louisiana in Lehrer-Ton. Zuckerberg räumte ein, dass die meisten Facebook-Nutzer die Geschäftsbedingungen nicht komplett durchlesen.

Senator John Cornyn entlockte Zuckerberg allerdings einen Satz, der Facebook noch verfolgen könnte. „Ich teile die Meinung, dass wir eine Verantwortung für die Inhalte tragen“, sagte der Facebook-Chef auf die entsprechende Frage. Später betonte Zuckerberg zwar ausdrücklich, dass Facebook als Plattform selbst keine Inhalte erstelle und daher aus seiner Sicht zuallererst eine Technologiefirma sei. Der eine Satz mit der Verantwortung dürfte in der Zukunft aber häufiger von Verfechtern der Ansicht aufgegriffen werden, dass Facebook eigentlich als Medienunternehmen agiere und sich nicht aus der Verantwortung stehlen dürfe.

Zuckerbergs Stellungnahme

Video der Anhörung

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