Experte: Eigentliche Ursachen der Krise angehen

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Deutsche Presse-Agentur

Der Leiter der Berliner Hochschule Hertie School of Governance, Michael Zürn, hat die Politiker aufgefordert, sich nach der Verabschiedung des Konjunkturpakets II mit den eigentlichen Gründen für die Wirtschaftskrise zu beschäftigen.

„Diese Debatte fehlt mir“, sagte der Professor für internationale Beziehungen in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Ihren Ursprung habe die Krise unter anderem in den großen Ungleichgewichten der Bilanzen großer Staaten: Während Länder mit einem Exportüberschuss wie China riesige Summen von Kapital im Ausland anlegen mussten, waren die USA mit ihrem überdurchschnittlichen Konsum auf solche Investitionen angewiesen. Dadurch seien Blasen wie die im Immobiliensektor entstanden.

Notwendig sei daher die Verständigung über eine globale Wirtschaftspolitik. „Frühere Finanzkrisen konnten von den westlichen Industrieländern allein gelöst werden“, erläuterte Zürn. „Jetzt stehen wir zum ersten Mal vor der Erkenntnis, dass es ohne China und andere neue Wirtschaftsmächte keine Lösung geben kann.“ Eine Regulierung der Finanzmärkte reiche dabei nicht aus, denn eine solche Überwachung sei immer nur begrenzt möglich. „Das ist der gleiche Effekt wie beim Doping im Sport: Die Aufseher sind stets einen Schritt langsamer als die Entwickler der neuesten Dopingmittel.“

Zu Nothilfe-Maßnahmen wie den Konjunkturpaketen in verschiedenen Ländern habe es keine Alternative gegeben, sagte Zürn. Es sei eine der Lehren aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, dass zögerliches Handeln die Krise nur verschärfe. „In einem Notfall ist man zur Hilfe verpflichtet. Man kann nicht gleich am Unfallort nach dem Schuldigen fragen.“ Der 50 Jahre alte Zürn ist Akademischer Direktor (Dean) der Hertie School of Governance. An der privaten Hochschule werden Führungskräfte für Regierungen und internationale Organisationen ausgebildet.

Die Möglichkeit, angeschlagene Finanzinstitute oder Firmen in Einzelfällen vorübergehend zu verstaatlichen, hält der Wissenschaftler für sinnvoll. Als Außenstehender sei der Staat bei der Einschätzung der Schieflage von Wirtschaftsunternehmen „informationstechnisch der Schwächere“. Es bestehe daher das Risiko, dass er in Verhandlungen über Unterstützungen über den Tisch gezogen wird. Als Eigentümer auf Zeit habe er hingegen mehr Einfluss und setze zudem ein Signal an Manager und Aktionäre, dass sie sich nicht auf unbegrenzte staatliche Hilfe verlassen können, ohne dafür Einbußen hinnehmen zu müssen.

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