Evolution geht auch ganz schnell: Immer mehr Elefanten haben keine Stoßzähne

Stoßzähne sind für Elefanten normalerweise ein wichtiges Werkzeug. Werden die Tiere aber wegen des begehrten Elfenbeins massiv g
Stoßzähne sind für Elefanten normalerweise ein wichtiges Werkzeug. Werden die Tiere aber wegen des begehrten Elfenbeins massiv gejagt, überleben oft nur die für die Wilderer wertlosen Dickhäuter – und geben ihre Erbgut weiter. So verändert sich die Evolution relativ schnell. (Foto: Jon Hrusa/IFAW/dpa)
Roland Knauer

Als in den Jahren 1977 bis 1992 in Mosambik ein blutiger Bürgerkrieg tobte, wirkten sich die Auseinandersetzungen auch auf die Evolution der Elefanten aus: Die Zahl der Dickhäuter im Gorongosa-Nationalpark hatte sich massiv verringert, und rund der Hälfte der weiblichen Tiere wuchsen nach dem Krieg keine Stoßzähne mehr.

Ursache waren Veränderungen in Teilen des Erbguts, die bei allen Säugetieren wichtig für die Entwicklung der Zähne sind, berichten Shane Campbell-Staton von der Princeton-Universität im US-Bundesstaat New Jersey und sein Team in der Wissenschaftszeitschrift „Science“.

Nach den Analysen der Gruppe hatten vor allem Weibchen mit solchen Veränderungen die massive Elfenbein-Wilderei beider Kriegsparteien überlebt und ihre genetischen Eigenschaften an ihre weiblichen Nachkommen vererbt.

„Wir beobachten auch in der Serengeti schon länger, dass häufiger als früher Elefanten mit kleineren oder gar keinen Stoßzähnen durch die Savanne stapfen“, erzählt Dennis Rentsch, der 15 Jahre lang für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) in Tansania arbeitete und seit Anfang 2021 stellvertretender Afrika-Leiter der ZGF in Frankfurt ist.

„Elefanten mit großen Stoßzähnen leben heutzutage vor allem in den am besten geschützten Gebieten“, erklärt der promovierte Naturschutzbiologe weiter. „In solchen Reservaten werden Flugzeuge und Antiwilderer-Trupps von Kommandozentralen aus gelenkt, damit übernehmen staatliche Naturschutzbehörden wichtige Sicherheitsaufgaben“, ergänzt ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck.

Im Bürgerkrieg wurden Dickhäuter wegen Elfenbein gewildert

In solchen Hochsicherheitsgebieten haben Wilderer heutzutage schlechtere Karten als in anderen Regionen, in denen nicht nur die Dickhäuter wegen ihres Elfenbeins getötet werden, sondern auch der Anteil der Tiere ohne Stoßzähne deutlich ansteigt. „Bisher aber fehlten umfangreiche harte Daten und Hintergründe für einen Zusammenhang zwischen Wilderei und Elefanten ohne Stoßzähne“, erklärt der ZGF-Geschäftsführer weiter.

Diese liefert jetzt das US-Team. Lebten vor dem Bürgerkrieg 1972 im Gorongosa-Nationalpark noch 2542 Elefanten, war nach dem Abflauen der Kämpfe mit 242 Tieren nicht einmal ein Zehntel dieses Bestandes übrig. Gleichzeitig hatte sich der Vorkriegsanteil der Elefantenkühe ohne Stoßzähne von 18,5 Prozent auf 50,9 Prozent fast verdreifacht.

Der Grund für diese massive Veränderung war der Bürgerkrieg zwischen der von der Sowjetunion unterstützten Befreiungsbewegung und Regierungspartei FRELIMO und den konservativen Renamo-Rebellen, die ausgerechnet im Gorongosa-Nationalpark ihr Hauptquartier einrichteten. Beide Kriegsparteien aber wilderten Elefanten und finanzierten sich mit dem Verkauf der Stoßzähne. Im ganzen Land brachen die Bestände der Dickhäuter daher zusammen.

Die Chance zum Überleben für die Tiere

Da die Elefanten ohne Elfenbein für die Wilderer nicht interessant waren, lag ihre Überlebenswahrscheinlichkeit im Bürgerkrieg rund fünfmal höher als bei ihren Artgenossen mit Stoßzähnen, ermittelten Shane Campbell-Staton und sein Team.

„Damit aber hatte sich eine wichtige Grundlage für die Evolution der Elefanten geändert“, erklärt ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck. „So sind die Stoßzähne für die Dickhäuter ein wichtiges Werkzeug, mit dem sie zum Beispiel Löcher graben, um an das lebensnotwendige Grundwasser heranzukommen“, berichtet Dennis Rentsch.

„In Mangelzeiten schälen Elefanten mit den Stoßzähnen die Rinde der Baobab-Bäume ab und kommen so an Nahrung“, ergänzt Christof Schenck. „Und Elefanten-Bullen kämpfen mit ihren Stoßzähnen auch gegen konkurrierende Artgenossen“, erklärt der Zoologe weiter.

In normalen Zeiten haben Elefanten mit Stoßzähnen also einen klaren Vorteil, den sie auch an ihre Nachkommen vererben. Deshalb hatten die allermeisten Elefanten vor dem Bürgerkrieg in Mosambik Stoßzähne.

Die massive Wilderei aber kehrte die Voraussetzungen um, plötzlich hatte die Minderheit der Elefanten ohne Stoßzähne einen Überlebensvorteil und ihr Anteil stieg. Und das lag nicht nur daran, dass die Wilderer an den „wertlosen“ Dickhäutern ohne Stoßzähne wenig Interesse hatten, sondern auch an den Nachkommen der Überlebenden.

Bei den nach dem Bürgerkrieg geborenen Elefanten stieg der Anteil der Weibchen ohne Stoßzähne ebenfalls kräftig. Mit aufwändigen Analysen des Erbguts konnte die Gruppe um Shane Campbell-Staton auch einen Teil der genetischen Grundlagen für diese Evolution zu Elefanten ohne Elfenbein klären.

Genetische Anlagen verändern sich

Besonders wichtig waren offensichtlich die zwei Gene AMELX und MEP1A, die beiden bei Säugetieren eine zentrale Rolle für die Entwicklung von Zähnen spielen. Die genetischen Analysen der Forscher bestätigen den Verdacht, den Artenschützer schon lange hegen: Eine übermäßige Jagd kann nicht nur Arten dezimieren oder sogar ausrotten, sondern kann auch die Evolution verändern.

Und das in atemberaubender Geschwindigkeit: Schließlich dauern solche Veränderungen oft viele Jahrtausende, während die Wilderei die Eigenschaften der Elefanten bereits in wenigen Jahren grundlegend verändert hat.

Ähnliches beobachtet auch Robert Arlinghaus am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin: Weil kleine Fische durch die Maschen der Fischernetze leichter entkommen als größere Artgenossen, selektiert die Fischerei auf kleinere Exemplare und eifrig befischte Arten werden immer kleiner.

„Um diesen von uns Menschen in wenigen Jahren ausgelösten Schritt der Evolution rückgängig zu machen, kann es aber viele Jahrzehnte und womöglich Jahrhunderte dauern – oder der Ausgangszustand kann nie wieder erreicht werden, weil sich inzwischen andere Umweltbedingungen geändert haben“, gibt ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck zu bedenken. Sollte das bei Elefanten ähnlich sein, könnten die Auswirkungen der Wilderei daher noch lange sichtbar sein.

Ähnliche Mechanismen können natürlich auch auf andere Arten wirken, die stark bejagt werden. Allerdings scheint die Wilderei von Nashörnern bisher noch keine Tiere ohne das begehrte Horn herzubringen, das zu Pulver zerrieben besonders in Vietnam als traditionelles Medikament heiß begehrt ist.

„Dieses Horn ist ja kein Zahn, sondern besteht aus dem gleichen Material wie die Fingernägel von Menschen und wächst auch ähnlich gut nach“, erklärt der ZGF-Afrika-Experte Dennis Rentsch. Das aber bedeutet nicht nur, dass die Hörner der Tiere als Medikament ähnlich gut wirken wie das Kauen von Fingernägeln, nämlich gar nicht. Sondern auch, dass Gene wie AMELX und MEP1A kaum eine Rolle spielen dürften.

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