England: Küssen oder nicht küssen?

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Schwäbische Zeitung

Brief aus London von Alexei Makartsev

Als die Briten einmal von Brown wissen wollten, wie es war, Madame Sarkozy in der Downing Street auf die Wange zu küssen, sagte der konservative Schotte verschämt, dass er sich über Carla in London sehr gefreut hätte. Und immer freuen würde. „Die britische Reserviertheit erlaubt es mir nicht, etwas hinzuzufügen“, fügte errötend der Sohn eines Pastors hinzu. Womöglich fiel Brown in diesem Moment ein Zitat des berühmten irischen Satirikers Jonathan Swift ein. „Ich frage mich, welcher Idiot das Küssen erfunden hat“, hatte Swift, ein anglikanischer Priester, vor 300 Jahren geschrieben.

Vielleicht geht es dem Labour-Chef jedoch nur wie der Mehrheit seiner Landsleute, die über sich selbst scherzen: „Andere Völker haben Sex, wir aber haben Wärmeflaschen“. Es ist natürlich typisch englisches Understatement. Die Inselbewohner, das belegen internationale Studien, sind statistisch gesehen Spitze in der westlichen Welt, wenn es um One-Night-Stands geht. Leider führen sie auch im europäischen Vergleich nach Zahl der Kinder, die Kinder kriegen. Derzeit sorgt im Königreich ein 13-jähriger Vater für Schlagzeilen. Im Schnitt werden jedes Jahr 40 Britinnen im Alter unter 14 Jahren schwanger. „Ein einziger Kuss kann ein Menschenleben ruinieren“, lehrte einmal der viktorianische Liebesexperte Oscar Wilde. Selbst wenn es so ist, lassen sich die Erben des berühmten Gefühlsschwärmers William Shakespeare („Die Liebe ist so tief wie das Meer“) das feucht-romantische Vergnügen nicht nehmen: Laut den Soziologen verbringt ein Brite im Schnitt 54 Tage seines Lebens mit dem Knutschen und damit drei mal so viel wie ein Durchschnittseuropäer. Komisch nur, dass die Engländer dabei so dick bleiben.

Denn in einer Minute Busseln verbrennt der Mensch 26 Kalorien. Folglich müsste ein Brite bis zum Tod küssend etwa zwei Millionen Kalorien zusätzlich verheizen, was wiederum etwa 2170 „Dr. Oetker“-Thunfisch-Pizzen entspricht. Es wird den Romantikern auf der Insel künftig noch schwerer fallen, fit zu bleiben, seit die Betreiber der Eisenbahnstation Warrington in der Grafschaft Cheshire jegliches Techtelmechtel auf dem Bahnhofsvorplatz verbannt haben, angeblich weil die vielen Küsser den Verkehr blockieren. Nun erwägen andere Gemeinden, ähnlich strikte Kussverbote einzuführen. Vor einer Woche traf die britischen Romeos und Julias ein neuer Schlag: Der Rekord im Massenküssen, den bislang das Königreich hielt, war ausgerechnet an die katholischen Mexikaner gegangen, die am Valentinstag 39 897 Leute zum Riesenschmatzer in Mexiko-Stadt versammeln konnten. Der knutschenden Menge im englischen Weston-Super-Mare hatten an jenem Tag 7 250 Teilnehmer gefehlt, um diese Bestleistung zu toppen.

Vielleicht weil viele Vertreter des starken Geschlechts stattdessen den 3:1-Sieg von Chelsea über Watford geschaut haben? Die Liebe auf der Insel mag so tief wie die Nordsee sein, aber nur, solange die Glotze nicht im Wege steht: Laut einer neuen Umfrage würden gerne fast 50 Prozent der englischen Männer sechs Monate lang auf amouröse Abenteuer verzichten, wenn sie dafür einen Plasmafernseher mit 50-Zoll-Bildschirmdiagonale kriegen würden. Gut, das Shakespeare das nicht hören kann.

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