Elfenesch Olani unterrichtet mit Freude und Stolz

Lesedauer: 8 Min
Herbert Beck
Redaktionsleiter

Elfenesch Olani behauptet, dass sie es gut erwischt hat – als Lehrerin an der Eltoke-Mittelschule. Die unterste Stufe im Lehrbetrieb, ein kleine Dorfschule, konnte sie nach fünf Jahren verlassen. Ihren Rektorenposten gab die heute 28jährige Mutter eines Sohnes gerne auf. Eltoke liegt günstiger, erträglicher, nur eine halbe Stunde Fußmarsch von der Kreisstadt Jarso entfernt. Die Frau fühlt sich 950 Kilometer von ihrer Heimat im Westen des Landes auch deshalb so wohl, weil ihr Mann Tamasged Abdissa die Schule in Eltoke leitet. Im Schulkomplex verfügen die beiden über zwei bescheidene Zimmer. Bildchen und farbige Tücher hängen an den Wänden. Gäste empfängt das Paar auf jenen Matratzen, auf denen es nachts schläft. „Wenigstens bleiben uns die weiten Wege erspart“, gibt Elfenesch Olani zu. Wenigstens das. Das Gros der zwölf weiteren Lehrkräfte hat nur in Jarso passable Zimmer gefunden. Auch deshalb errichtet die Böhm-Stiftung in allen neuen Schulkomplexen kleine Wohneinheiten für die Lehrerinnen und Lehrer. Das macht die Schulen attraktiver und erhöht die Motivation.

„Wir wurden nur vertröstet“

Beley Derersa, der Rektor der Dorfschule von Bedada, hatte diese schon verloren. Er kommt wie Elfenesch Olani aus der Region Wollega im Westen und war froh, nach seiner zweijährigen Ausbildung eine Anstellung gefunden zu haben. Zehn Jahre später, trotz des Aufstiegs zum Rektor mit einem Monatsgehalt von umgerechnet 60 Euro, berichtet er vor allem über die Mühen des Alltags und über die vielen Unzulänglichkeiten. „Jahrelang hat sich hier gar nichts getan. Wir können den Ansturm auf die Schule kaum bewältigen. Wir wurden nur vertröstet.“ Innerlich verabschiedete sich Derersa von den Hütten in Bedada, „obwohl ich die Menschen hier sehr schätze“. Aber die Schulverwaltung lehnte seine Versetzungsgesuche ab. Derersa: „Ich bin da kein Einzelfall, vielen Kollegen ergeht es so.“ Neuen Mut, neuen Schwung hat er gefasst, als die Böhm-Stiftung die Schule von Bedada in ihren Projektplan aufnahm. Sein Stellvertreter Magersa Etschugu ergänzt: „Keiner hat sich für uns interessiert. Keiner. Unsere Klagen waren wirkungslos. Jetzt lohnt es sich, hier auszuharren. Karlheinz Böhms Worte und seine Zusage geben mir neue Kraft.“

Lehrerin Elfenesch Olani beginnt ihren Schultag mit Unterricht in Klasse fünf im Fach Gemeinschaftskunde. Sie sieht im alten Gebäude von Eltoke die hintersten Reihen im übervollen, dunklen Raum nur unscharf. „Ich weiß, dass Schulen auch anders ausgestattet sein können.“ Hell, wie der geplante Neubau der Böhm-Stiftung. Mit Tischen und Bänken für die Kinder, einem kleinen Pult für die Lehrkräfte. In Eltoke dagegen bröckelt von den Wänden, durch die der Wind pfeift, der Lehm. Die Dächer lassen bei Regen das Wasser durch. Elfenesch Olani muss viel und laut sprechen – Tag für Tag, „aber ich wollte diesen Beruf, und hier kann ich ihn ausüben“.

Der Frau geht es um mehr als nur um das Vermitteln von Unterrichtsstoff. „Ich bin das älteste Kind meiner Familie, ich habe noch acht Geschwister. Zum Glück konnten mich meine Eltern zur Schule schicken. Heute sind sie froh, dass ich auf eigenen Beinen stehe und einen Beruf habe.“ Auch wenn sie die Tochter nur noch einmal im Jahr während der großen Ferien treffen. Elfenesch Olani sieht in ihrem Weg den Beweis dafür, dass es sich lohnt, bessere Bildungschancen gerade auch für Mädchen zu schaffen. Das erfordert jedoch Mut, das verlangt Selbstbewusstsein.

„Als ich in diese Gegend gekommen bin, stieß das auf große Ablehnung.“ Die Lehrerin spürte gleichwohl, dass sie mit ihrem Wissen imponierte in einem Umfeld, in dem vor allem die alten Menschen weder lesen noch schreiben können. „Ich habe die Versammlungen in den Dörfern dazu genutzt, die Frauen anzuspornen.“ Sie habe dann gesagt: „Schaut auf mich, ich habe es geschafft. Ich bin nicht nur zur Schule gegangen, ich bin sogar Lehrerin geworden.“ Und sie packte die skeptischen Dörfler auch bei deren Ehre: „Es ist doch schön, wenn Eure Kinder so wie ich einmal die Chance haben, so einen Titel zu tragen.“ Frau Lehrerin – das hört sich schon einmal gut an.

Vieh verläuft sich in die Schule

Über diesen Ansatz hat sie vergessen und verdrängt, wie schwer sich die Menschen im Landkreis Jarso tun, um nur über die Runden zu kommen. Entsprechend ausgestattet ist die bisherige Schule. „Wir haben kaum Bücher, uns Lehrern fehlt ein Arbeitsraum. Es gibt Tage, da verläuft sich das Vieh, und plötzlich steht eine Kuh im Klassenzimmer. Zur nächsten Wasserstelle müssen die Kinder 15 Minuten gehen, aber ich kann sie ja nicht daran hindern, wenn sie Durst haben.“ Sauber ist das Wasser auch nicht.

Die Mittelschule in Eltoke endet mit Klasse acht. Die einzige weiterführende Schule für den ganzen Landkreis findet sich in der Kreisstadt Jarso. Manche verheißungsvolle Schulkarriere scheitert deshalb an den langen Wegen. In den Familien fehlt das Geld, um Übernachtung, Essen und Schulmaterialien wenigstens für eine Tochter oder einen Sohn zu finanzieren. Umgerechnet 250 Euro fallen dafür in einem Jahr an. Elfenesch Olani appelliert dennoch unverdrossen an die Eltern, an die Zukunft nicht nur der Familie sondern auch des Landes zu denken: „Ohne Bildung kommen wir nicht weiter.“ Der Ausbau der Eltoke-Mittelschule wird nicht nur die Räumlichkeiten entscheidend verbessern, auch die Schülerzahl wird steigen – von jetzt 800 auf 1200 Schüler. Ein Zweischichtbetrieb wird dann unumgänglich sein.

Und zwei kleine Toilettengebäude werden die nur von Buschwerk abgeschirmten Latrinen ersetzen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen