Einkaufen und die Welt retten

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Lionel Souque, Vorstandsvorsitzender der Rewe Group, steht in einem Rewe-Supermarkt. Mit den Produkten von share sollen die Berl
Lionel Souque, Vorstandsvorsitzender der Rewe Group, steht in einem Rewe-Supermarkt. Mit den Produkten von share sollen die Berliner Tafel und internationale hilfsprojekte unterstützt werden. (Foto: dpa)
Hanna Gersmann

Die Spendenaktion kommt unspektakulär daher. Die Flasche „share – Alpenwasser prickelnd“ ist für 65 Cent plus 25 Cent Einwegpfand gekauft wie jede andere auch. Auch der Werbetext „Bergspitzenmäßig erfrischt“ heißt er – ist nicht besser oder schlechter als bei der Konkurrenz. Doch dann fällt der Blick auf diesen Satz auf dem blau-weißen Etikett: „Trinken und teilen“ steht da. Und: „Sieh nach, wo Du hilfst“. Helfen einfach so im Supermarkt – funktioniert das?

Rückblende. Mitte März diesen Jahres. Sebastian Stricker, der schon als Entwicklungshelfer, auch als Unternehmensberater gearbeitet hat, startet mit seinen Kollegen in gut 5000 Läden des Rewe-Konzerns und der Drogeriekette dm deutschlandweit den Verkauf von Mineralwasser, aber auch von Bio-Nussriegeln und veganer Handseife mit dem Namen „share“.

Ihr Versprechen: Für eine Flasche verkauftes Wasser erhält ein anderer Mensch Trinkwasser für einen Tag, mindestens 20 Liter, indem etwa ein Brunnen gebaut oder repariert wird. Legt der Kunde einen Nussriegel auf das Kassenband, wird an eine andere Person in Deutschland oder in Krisenländern wie dem Senegal eine Portion Essen ausgegeben. Und die Flasche Seife garantiert andernorts einem Menschen ein Stück Seife. Fünf Monate später ist Zeit für eine erste Bilanz.

Auf der Internetseite von www.sharefoods.de baut sich jetzt eine kleine Landkarte auf, das Horn von Afrika, ein roter Stecknadelkopf. Darunter heißt es: „Brunnenreparatur im Süden Äthiopiens“. Zu der Seite führt der Code auf der Wasserflasche: AA489. „Wir reparieren Brunnen in den Bezirken Miyo und Dhas im Süden des Landes.“ Dabei arbeite share mit der „Aktion gegen den Hunger“ und den lokalen Behörden zusammen.

Andernorts läuft das ähnlich. Neben der Aktion gegen den Hunger kooperiert share auch mit dem World Food Programme der Vereinten Nationen und der Berliner Tafel. Fünf bis 17 Prozent des Preises, den Stricker und seine Kollegen für ihre Produkte von den Handelsketten bekommen, geht an sie.

Antje Trölsch ist Geschäftsführerin der Berliner Tafel, die die Essensausgabe für Bedürftige in der Hauptstadt organisiert. „Es läuft super“, sagt sie, „allein im ersten Quartal 2018 hat share 50 000 Euro überwiesen.“ Davon würde Mahlzeiten nicht direkt bezahlt, aber die Logistik für ihre Verteilung verbessert - von dem Geld werden die rund

15 Kühltransporter getankt, gewartet, repariert. Trölsch: „Unsere Arbeit lebt ausschließlich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, für uns ist das ein Segen.“ Zumal Daniela Geue vom Deutschen Spendenrat erklärt, dass in Deutschland immer weniger Menschen spenden, 2017 waren es 21 Millionen Menschen – 1,1 Millionen weniger als 2016. Die Gesamtsumme bleibe dabei gleich, wer spendet gibt mehr: Im Schnitt waren es 2017 pro Spende 35 Euro, und dies 6,9 Mal pro Jahr. Die Hilfsorganisationen erreichten aber vor allem die 30 bis 50-Jährigen immer seltener auf dem klassischen Weg. Share bietet eine neue Form.

„Wir können mit share Akzente setzen, wo wir sonst keine Mittel haben“, sagt Sylvie Ahrens-Urbanek von der Aktion gegen Hunger. Meist hilft diese dort, wo es akut Not gibt, etwa durch eine Naturkatastrophe oder einen Bürgerkrieg. Doch gebe es oft auch einen chronischen Mangel und eine chronische Unterfinanzierung. So sei die Brunnenreparatur in Äthiopien nur das eine, was mit share bereits angegangen wurde. Das andere von share: Im Senegal, wo immer wieder der Regen ausbleibt, die Ernte verdorrt, Menschen hungern, wurden 600 000 Mahlzeiten und 70 000 Seifen verteilt, in Myanmar, bis 2008 unter Militärherrschaft und noch immer eines der ärmsten Länder Asiens, sollen es demnächst 100 000 Mahlzeiten und 20 000 Seifen sein. Und in Liberia, wo selbst nahe der Hauptstadt Monrovia nur ein Drittel der Haushalte Zugang zu gutem Trinkwasser haben, sind 10 Brunnen repariert worden, in Kambodscha 11.

Ursachen bleiben

Mit dem eigenen Konsum, die Welt besser machen, das klingt nach einem guten Angebot. Nur ist es für Kathrin Krause vom Verbraucherzentrale Bundesverband, vzbv, damit nicht allein getan. Sie sagt: „Share ändert an den Ursachen des Hungers nichts, auch nicht am Preisdruck, den die Handelsketten heute auf ihre weltweiten Produzenten ausüben und damit häufig Menschenrechte verletzen.“

Lieferanten von Lebensmittelzutaten bekämen heutzutage oft Löhne, mit denen sie kaum eine Familie ernähren könnten. Krause: „Das zu ändern, verantwortungsvoller, also nachhaltig zu wirtschaften ist entscheidend.“

Darum rät sie Konsumenten etwa auf Fairtrade-Produkte zu achten. Vor allem sei aber die Politik gefragt. „Unternehmen sollten per Gesetz verpflichtet werden zu einer umweltschonenden und menschenwürdigen Produktion“, fordert Krause, „mit share nutzen die Händler das soziale Engagement von Verbrauchern und lenken von ihrer Verantwortung gegenüber ihren Produzenten ab.“

Das sehen dm und Rewe freilich anders. Share produziere nach sozialen und ökologischen Kriterien und bediene „sehr gut“ einen neuen Trend, sagt Sebastian Bayer, dm-Geschäftsführer für das Marketing und die Beschaffung: „Kunden kaufen bewusster ein, informieren sich im Internet, woher ihr Produkt kommt, wofür es steht.“ Die Verkaufszahlen lägen „weit über den Erwartungen“, vor allem Wasser und Nussriegel seien „Top-Seller“, die Initiative sei ein „großer Erfolg“. Und Rewe-Sprecher Raimund Esser meint: „Uns ist soziales Engagement sehr wichtig, wir möchten gemeinsam mit share möglichst vielen bedürftigen Personen weiterhelfen. Die kleine Marge deckt gerade unsere Logistikkosten ab.“ An diesem Montag startet Rewe eine neue Werbekampagne für share.

Bleibt am Ende diese Rechnung: Nur im Supermarkt lässt sich die Welt nicht retten.

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