Ein verstörend-faszinierendes Schauspiel

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Eine eindringliche Darstellung von Martina Roth als Antigone.
Eine eindringliche Darstellung von Martina Roth als Antigone. (Foto: Tanja Schittenhelm)
Tanja Schittenhelm

Lindau - Das „bbt bewegtbildtheater" war am Dienstagabend zu Gast im Stadttheater mit seinem 2009 uraufgeführten Stück „Antigone.Stimmen“. Dabei herrschte im Zuschauerraum 80 Minuten lang höchste Konzentration.

Die mit Felsbrocken übersäte und in Grautönen gehaltene Bühne strahlt Kälte aus. Ebenso die kahle ausgetrocknete Flusslandschaft auf der großen Leinwand im Hintergrund – eine grandios abgestimmte Gestaltung. Ein Zusammenspiel zwischen Reduziertheit und hoher Schauspielkunst. Dazu erklingt die sanfte und melancholische Musik von Karin Rehnquist, gespielt auf dem Cello von André Morgenthaler. Antigone tritt auf, beginnt zu sprechen. Eine zweite Antigone, hinter ihr im Filmausschnitt, antwortet. Es entsteht ein Dialog zwischen beiden Frauen.

Das Leben und Sterben des Vaters Ödipus. Der geliebte und durch Bruderhand gestorbene Bruder Polyneikes, Vaterlandsverräter und Kämpfer um den eigenen Thron. Unehrenhaft geschändet durch Kreon, ihren Onkel, Herrscher über Theben. Entgegen des Verbots von Kreon begräbt Antigone ihren Bruder Polyneikes.

Der Zwiespalt der Thematik zwischen Widerstand, Grundprinzipien und Menschlichkeit. All das findet in Antigones Kopf statt. Sie kämpft mit sich, erinnert sich, verflucht, hadert, zerbricht.

Martina Roth ist dreimal Antigone, es gibt drei Versionen von ihr. Die reale auf der Bühne, die kämpft und mit sich hadert, die entschlossen ist aber abwägt und schweren Herzens den Tod in Kauf nimmt. Die zweite Antigone, auf der Leinwand hinter ihr, die bewertet, kritisiert und sie in Frage stellt. Eine hervorragende Inszenierung mit der es gelingt, in fließend ineinander übergehenden Dialogen den inneren Zwiespalt darzustellen. Bleibt noch die Dritte, die Archaische, Wilde und Verrückte, die fast nackt, Steine aneinander klopfend und wie irre zuckend, Worte mit Bedeutung von sich gibt.

Mit der geballten Faust die Arme in den Himmel gestreckt, gegen den tyrannischen König, der nicht „allein über das Land herrschen darf“, schon gar nicht willkürlich. Das nachdenkliche Abwägen, ob sie ihrem Bruder Eteokles gegenüber etwas schuldig bleibt, ihn gar verrät. Martina Roth versteht es, behutsam zu spielen und doch äußerst überzeugend große, äußere Konflikte darzustellen. Sie flüstert, sie fleht, sie zürnt, sie verurteilt, sie zweifelt.

Die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Johannes Conen und Martina Roth sowie der Einsatz von einer unglaublich wirkungsvollen Videotechnik, vermischt reales und virtuelles Geschehen und fasziniert durch den schnellen Wechsel der nahtlos ineinander fließenden Sequenzen, um so mit modernen Mitteln zum Kern der Tragödie vorzudringen.

Menschsein, das ist nichts als ein Fluch, so wird sie es am Ende zusammenfassen. Oder war es ihr Alter Ego, die Frau auf der Leinwand?

Es war kein unterhaltsamer oder leichter Abend am Dienstag im Stadttheater. Dennoch war es ein Abend, der hoffentlich alle Anwesenden um eine weitere, faszinierende Erfahrung bereichert hat.

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