Ein vergessener Landstrich schöpft neue Hoffnung

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Redaktionsleiter

Drei bestehende Schulen, drei düstere Bestandsaufnahmen: In dunklen Klassenzimmern drängen sich viel zu viele Kinder und Jugendliche. In manchen Zimmern fehlen Tische, Bänke; zurechtgehauene Baumstämme und Äste dienen als Sitzmöbel. Von schiefen Tafeln platzt der Schiefer ab, die Lehrkräfte reden sich heiser, weil sie so viel diktieren müssen; Latrinen am Rand der Schulgelände verbreiten beißenden Fäkaliengeruch, an fließendes Wasser zum Händewaschen ist nicht zu denken. Um den Landkreis Jarso, dessen Ausläufer nur eine halbe Autostunde von der vitalen Stadt Harar im Osten Äthiopiens entfernt sind, hat der Fortschritt bislang einen großen Bogen gemacht. Bittere Armut diktiert hier den Alltag.

„Wir sind ein vergessener Landstrich“, schimpft Zihad Aleji, der Bürgermeister der Kreisstadt Jarso. Dabei kam hier sogar der letzte äthiopische Kaiser, Haile Selassie, zur Welt. Eine von ihm gestiftete Kirche trägt noch seinen Namen. „Er hat nichts für uns getan“, klagt Hadschi Abdi, ein 77-jähriger Greis, der noch persönlich beim Herrscher um mehr Unterstützung für die Heimat vorstellig geworden ist. Auf diesen hält hier keiner eine Lobrede. Auf Karlheinz Böhm, der im Osten Äthiopiens besonders verehrt wird, dagegen sehr wohl. Mit blumigen Worten meint Kamal Suleiman, der Bürgermeister des Dorfes Bedada:„Der Tag, an dem er uns Hilfe versprach, war der Tag, an dem das Licht zu uns gelangt ist.“

Mehr Bildung ist nur der Anfang

„Schulen für Äthiopien“ kann dazu beitragen, dass sich im Landkreis Jarso mit seinen rund 130000 Bewohnern die Mienen noch mehr erhellen, dass kleine Kinder, ihre Eltern und Großeltern den schalen Eindruck loswerden, Vergessene in einem bitterarmen Landstrich eines bei der Bewältigung seiner vielen Probleme auf Hilfe angewiesenen Landes zu sein. Bildung ist dabei nur der Anfang. „Es geht um mehr als nur um Lesen und Schreiben.

Es geht auch darum, Verständnis zu wecken für Familienplanung, für die Abkehr von schlimmen Traditionen, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau“, betonen Almaz und Karlheinz Böhm unermüdlich, wenn sie in den Projektgebieten der Stiftung vor Ort sind. Sie treten dabei nie nur als Wohltäter auf, die sich feiern lassen möchten. Sie nehmen die Bevölkerung in die Pflicht, mitzuarbeiten. Sie erwarten den offenen Dialog, sie verlangen Disziplin. Dafür bringen sie für die Menschen Verständnis auf, vor allem aber halten sie Wort. Das hat sich herumgesprochen im Land, auch deshalb macht sich im Landkreis Jarso Aufbruchstimmung breit.

Drei Schulprojekte, die aufeinander aufbauen, bilden den Anfang der Unterstützung. Im Dorf Bedada muss eine Grundschule komplett neu errichtet werden, 800 Kinder sollen später in den Klassenstufen eins bis vier unterrichtet werden. Die Eltoka-Mittelschule, fünf Kilometer von der Kreisstadt Jarso entfernt, soll modernisiert und erweitert werden, um in den Klassenstufen fünf bis acht 1200 Kinder zu unterrichten. Auch die Ejersa-Goro-Oberschule für die Stufen neun und zehn, die für den ganzen Landkreis zuständig ist, soll diese Kapazität erhalten. Schon jetzt hofft aber Rektor Bale Mohamed, dass eine Erweiterung auf die Klassen elf und zwölf, die ein Studium ermöglichen, ins Auge gefasst wird. Denn die nächste High School befindet sich knapp eine Autostunde entfernt in Harar. Mohamed:„Nur sehr wenige Familien können es sich leisten, ihre Kindert dorthin zu schicken. Sie sind zu arm.“

Die Familien halten zusammen

Bislang bieten lediglich die Landwirtschaft auf kargen, zum Teil steilen Anbauflächen in der Region zwischen 1500 und 2500 Metern und der Kleinhandel Verdienstmöglichkeiten. Nur Schotterstraßen und Pfade verbinden die Dörfer, außer in Jarso gibt es auch keine Stromversorgung. Es mangelt an sauberem Trinkwasser, die medizinische Versorgung liegt noch weitgehend in den Händen schlecht ausgebildeter und ausgestatteter Heiler. Viele Menschen können sich eine Behandlung gar nicht leisten. Familien leben auch von der Unterstützung durch Verwandte, die in einer größeren Stadt oder gar in der fast 600 Kilometer entfernten Hauptstadt Addis Abeba Arbeit gefunden haben.

Bürgermeister Zihad Aleji bezeichnet das als großen Segen:„Auch deshalb ist es für uns so wichtig, dass mehr Kinder in die Lage versetzt werden, wenigstens in der Fremde einen Beruf erlernen zu können.“ So findet sich in Harar unter anderem auch eine Ausbildungsstätte der Böhm-Stiftung für technische Berufe, in der mehrere Hundert junge Frauen und Männer gebührenfrei unterrichtet und versorgt werden.

Die Kleinkinder von Bedada, die mangels Schulmöbel den Block auf ihren Knien halten müssen, um von der Tafel abzuschreiben, können davon vorerst nur träumen. Die meisten haben ihr Dorf noch nie verlassen. Sie kennen nicht viel mehr als die staubige Straße und die mächtige Silhouette des mehr als 3000 Meter hohen „Mount Koududo“. Sie spielen Fußball mit alten, verbeulten Blechbüchsen, die Lehrkräfte erklären ihnen die weite Welt mittels selbst gefertigter Schautafeln. Nach der Schule kehren sie in Hütten heim, die sich häufig noch Mensch und Tier teilen. Sie schlafen darin auf dem Boden, in der kalten Jahreszeit schädigt der Rauch der Feuerstelle die Lungen.

Mit der neuen Aktion „Schulen für Äthiopien“ unterstützt das Medienhaus Schwäbischer Verlag die Böhm-Stiftung dabei, im Landkreis Jarso erste Voraussetzungen für mehr Bildung und damit mehr Entwicklung zu schaffen. „Hilfe zur Selbsthilfe“ heißt Karlheinz Böhms Losung. In den kommenden Wochen bis Weihnachten werden tägliche Berichte detaillierter auf jede Schule, auf die Menschen, auf die Probleme und Nöte der Region eingehen – und auch auf die Freude und Dankbarkeit, die allein schon das Versprechen, Hilfe leisten zu wollen, ausgelöst hat.

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