Ein ungewöhnlicher Missbrauchsfall

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 Am Ende verurteilt der Richter einen 20- jährigen Mann aus dem Bodenseekreis wegen Vergewaltigung zu einer Geldbuße in Höhe von
Am Ende verurteilt der Richter einen 20- jährigen Mann aus dem Bodenseekreis wegen Vergewaltigung zu einer Geldbuße in Höhe von 500 Euro, 50 Sozialstunden sowie zur Weiterführung seiner bereits begonnenen psychotherapeutischen Behandlung. (Foto: Arne Dedert/dpa)
Kerstin Schwier

Einen nicht ganz alltäglichen Fall hat das Jugendschöffengericht in Tettnang am Montag verhandelt. „Der Fall hinterlässt mich mit einer gewissen Ratlosigkeit“, konstatierte Richter Peter Pahnke im Verlauf der Verhandlung. Am Ende verurteilte er einen 20- jährigen Mann aus dem Bodenseekreis wegen Vergewaltigung zu einer Geldbuße in Höhe von 500 Euro, 50 Sozialstunden sowie zur Weiterführung seiner bereits begonnenen psychotherapeutischen Behandlung.

Ungewöhnlich war der Fall nicht nur, weil sich der junge Mann selbst anzeigte. „Das kommt durchaus mal vor“, wie Oberstaatsanwalt Wolfgang Angster anmerkte. Allerdings geschehe das dann meist auf Druck der Geschädigten. In diesem Fall hatte sich das Opfer ausdrücklich gegen eine Anzeige ausgesprochen und den Angeklagten angefleht, nicht zur Polizei zu gehen. „Wir haben hier eine Geschädigte, die sich nicht geschädigt fühlt“, brachte daher Rechtsanwalt Alexander Greiner zur Entlastung seines Mandanten vor. Für Stirnrunzeln bei Richter und Schöffen sorgten zudem die Schilderungen des Tatherganges. Der junge Mann hatte sich insgesamt viermal an seiner damaligen Freundin vergangen, während diese einen Mittagsschlaf hielt.

Angeklagter und Opfer führten von Mai 2016 bis Ende 2018 eine Liebesbeziehung, in der es auch häufiger zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr gekommen ist. Da beide einer christlichen Glaubensgemeinschaft angehören, in der Sex vor der Ehe streng verboten ist, versuchten sie, ihre geschlechtliche Beziehung vor den anderen Gemeindemitgliedern zu verheimlichen. Der ständige Gewissenskonflikt wegen der verbotenen sexuellen Handlungen führte letztlich auch mit zur Beendigung der Beziehung.

Die zur Anklage gebrachten Taten geschahen zwischen Mai 2017 und Herbst 2018. Das Opfer habe laut eigener Aussage nie etwas von den Übergriffen im Schlaf gespürt, sondern erst durch den Angeklagten davon erfahren. Dieser hatte es ihr jedes Mal gestanden, um zu erfahren, „ob sie etwas gemerkt hat“. Nach dem zweiten Missbrauch verbat sie ihm aber weitere Übergriffe. Dennoch habe er sich noch zweimal „von seinen Gefühlen leiten lassen“ und verging sich erneut an der schlafenden Freundin.

„Ich habe ein Problem damit, wie das klappt, dass man mit einer schlafenden Person den Geschlechtsverkehr vollzieht, ohne dass sie aufwacht“, gab Richter Peter Pahnke seine Bedenken unumwunden zu. Vor allem da während der Vorfälle weder Alkohol noch Drogen, ebenfalls streng verboten bei der Glaubensgemeinschaft, im Spiel waren. „Warum machen sie das nicht im Wachzustand? Es heißt zwar Beischlaf, aber hat mit Schlaf wenig zu tun“, so der Richter weiter.

Einer von Rechtsanwalt Greiner zwischenzeitlich geforderten Einstellung des Verfahrens konnte Oberstaatsanwalt Angster nicht zustimmen. Auch wenn viele Umstände für den Angeklagten sprächen, handele es sich um kein Bagatelldelikt. „Das Opfer wird zum Objekt der eigenen sexuellen Begierde degradiert. Da können sie auch eine aufblasbare Puppe nehmen“, formulierte Angster im Plädoyer.

Der mittlerweile 18- jährigen Frau, die als einzige Zeugin geladen war, blieb eine Aussage vor Gericht erspart. Wie aus einem von Richter Pahnke verlesenen Chat der beiden Ex- Partner hervorgeht, hat sie ihren Freund mehrfach gebeten, nicht zur Polizei zu gehen. „Ich will das nicht. Es wissen schon zu viele Menschen davon. Es ist widerlich für mich, wenn jeder davon weiß“, schrieb sie ihrem Ex- Freund. Dieser begründete seine Selbstanzeige damit, „reinen Tisch“ machen zu wollen, um „sauber“ vor seinem Gott stehen zu können. „Ich erkenne mich selbst in dieser Tat nicht wieder. Ich bereue, was passiert ist. So etwas wird nie wieder vorkommen“, waren die abschließenden Worte des Angeklagten.

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