Ein Tag im Leben der „Generation Internet“

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Deutsche Presse-Agentur

Duschen, rasieren, Rechner starten. So beginnt für Eric S. ein ganz normaler Tag. Während der Laptop hochfährt, holt sich der 24-Jährige einen Kaffee.

Dann gibt es eine doppelte Infusion: Koffein aus der Tasse, Informationen aus dem Netz. Erst liest der Student aus Münster Mails und Nachrichten aus sozialen Netzwerken, dann richtet er den Blick in die weite Welt - mit dem Nachrichtenportal Sueddeutsche.de und der Online-Ausgabe der „Tagesschau“ als Video-Clip.

Obwohl Eric gerne Musik macht, mit Freunden ausgeht und die Wochenzeitung „Die Zeit“ liest, ist er ein typischer Vertreter der „Generation Internet“: geboren nach 1980 und aufgewachsen mit dem PC, Mitglied von StudiVZ und regelmäßiger Besucher von Google und Wikipedia. Ein Tag im Leben des Studenten macht deutlich, welche Veränderungen das Internet gebracht hat, seit Tim Berners-Lee vor 20 Jahren am Forschungszentrum CERN in Genf die Grundlagen fürs World Wide Web schuf - und was noch kommen könnte.

Am Vormittag bereitet Eric ein Referat vor: „Literarischer Darwinismus“. Das geht bequem von zu Hause aus. Einen Überblick verschafft sich der Amerikanistik-Student bei Wikipedia und Google, dann ruft er über den Browser den Katalog der Bibliothek ab und reserviert wichtige Bücher. Um diese abzuholen, muss er allerdings zur Uni fahren. Auf dem Videoportal YouTube sucht er nach einem Clip, in denen sich Vertreter der Strömung äußern ­ leider ist diesmal nichts dabei für die Powerpoint-Präsentation.

Ob Blogs oder Bibliothekenkataloge, aktuelle Meldungen oder Historisches - online sind so viele Informationen verfügbar wie nie zuvor. Die Menge gleicht einem riesigen Wissens-Ozean, doch die junge Generation surft nur auf den Wellen. „Sie suchen recht oberflächlich und breit nach Informationen und gehen dann punktuell in die Tiefe, wenn ein Thema interessant ist“, berichtet Urs Gasser, der an der US-Universität in Harvard das Zentrum für Internetforschung leitet. Klassische Medien, in denen Inhalte strukturiert aufbereitet sind, spielten dabei eine immer geringere Rolle, sagt der Schweizer.

Wissen aus dem Internet hat für viele Jugendliche heute auch die selbe Glaubwürdigkeit wie früher die Informationen aus der Zeitung. Medienforscher Gasser hält das für problematisch: „Das Qualitätsbewusstsein ist bei jungen Leuten wenig ausgeprägt.“ Als glaubwürdig wird empfunden, was andere empfehlen - selbstständig bewerten, ob Inhalte wahr oder vollständig sind, könnten viele nicht.

An der Uni macht Eric eine Internet-Pause. Doch nach dem Mensa-Essen läuft der Rechner wieder. Online-Radiosender bringen die „Foo Fighters“ und „Rage Against The Machine“ ins Zimmer. Nebenbei stimmt er mit Studienkollegen aus seinem Projekt-Seminar einen Termin fürs nächste Treffen ab, ein geschlossenes Forum ersetzt die Diskussion. Zwischendurch macht der Münsteraner den Rechner aber aus. „Ich kann effektiver arbeiten, wenn nicht immer wieder eine Mail reinkommt.“

Viele Kanäle, viele Kontakte: „Die Generation Internet ist hochgradig vernetzt“, sagt Urs Gasser. Treffen organisieren, gegen die neuen Geschäftsbedingungen von StudiVZ protestieren oder einfach Spaß haben - all das geschieht immer öfter online in Gruppen oder Foren. Unter den Jüngeren habe die E-Mail ihre Bedeutung als Kommunikationsmedium Nummer eins verloren, betont Gasser. Man unterhält sich über Online-Netzwerke oder Chats.

Eric ist in zwei sozialen Netzwerken aktiv. Im StudiVZ zeigt er seine lockere Seite: Auf dem Profilfoto lacht er, und vor einiger Zeit hat er eine Spaßgruppe gegründet: „Im Playboy stehen auch super Artikel“. Auf der Plattform einer Studienstiftung ist die seriöse Seite des Stipendiaten zu sehen, ein schickes Bewerbungsfoto inklusive. „Manchmal trägt man einen Anzug, manchmal Jeans“, sagt der Student. „Du bleibst trotzdem Du.“ Viel Privates gebe er aber in keinem Netzwerk preis, noch nicht einmal die Adresse.

Eine solche Einstellung ist aber wenig verbreitet. „Die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem wird verwischt“, sagt Gasser. Gerade Jugendliche machten sich keine Gedanken, was es langfristig bedeutet, Hobbys, Fotos oder die Adresse ins Netz zu stellen. „Die Datenspuren geben ein beständiges Bild ab, selbst wenn ich den Wohnort wechsle.“

Am Abend trifft sich Eric mit Freunden in der Kneipe. Das Internet ist dabei, ein modernes Smartphone macht's möglich. „Ich nutze das aber nur spärlich“, sagt er. Ab und zu suche er einen Zug heraus oder sehe nach, ob eine wichtige Mail angekommen ist. Ansonsten zählt das direkte Gespräch. Die nächste Info-Infusion kann eine Nacht warten.

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Vom ARPANET zum Web 2.0: Die Geschichte des Internet

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