Ein Handelsnetz umspannt das mittelalterliche Europa

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Höhepunkt der Stadt Avignon: der imposante Papstpalast.
Höhepunkt der Stadt Avignon: der imposante Papstpalast. (Foto: Fotos: Bernd Adler)
stellv. Redaktionsleiter

Die Ausstellung „Die Humpis in Avignon“ ist bis 23. September im Ravensburger Museum Humpisquartier in der Marktstraße 45 zu sehen. Das Museum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr. Eintritt: fünf Euro (bis 18 Jahre ist der Eintritt frei). Zu den Führungen und dem umfangreichen Begleitprogramm gibt es Infos unter 0751/82820 oder www.museum-humpis-quartier.de. Über die Aktivitäten der Humpis in Avignon gibt es auch ein Büchlein der Kuratorin Julia Luibrand (140 Seiten, 9,80 Euro, erhältlich im Museum).

Die Große Ravensburger Handelsgesellschaft, 1406 erstmals urkundlich erwähnt, hat im Spätmittelalter Geschäfte mit halb Europa gemacht. Auch im südfranzösischen Avignon hatte sie eine Niederlassung. Damit beschäftigt sich die aktuelle Ausstellung im Ravensburger Humpisquartier.

Die Geschichte der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft begann mit dem Zusammenschluss der Kaufmannsfamilien Humpis, Mötteli und Muntprat. Gemeinsam wollten sie gestärkt in den Fernhandel in Europa einsteigen. Gute Geschäfte versprach der oberschwäbische Flachs. Daraus ließ sich Leinwand herstellen, ein Produkt, dass die seefahrenden Nationen im Mittelmeerraum im großen Stil für die Segel ihrer Schiffe benötigten. Konsequenzerweise entstand daher die erste Niederlassung der Handelsgesellschaft in Barcelona. Um den Weg dorthin abzusichern, folgten Filialen, sogenannte Gelieger, in Genf, Lyon und Avignon. Diese wichtigen Handelsplätze nutzten die Ravensburger, um weitere Waren zu kaufen, zu verkaufen oder zu tauschen.

Im 15. Jahrhundert entstand die Niederlassung der Humpis, der bedeutendsten Familie innerhalb der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft, in Avignon. Die Stadt in der Provence hatte zu jener Zeit den Ruf einer Weltstadt. Seitdem die Päpste 1309 ihren Sitz von Rom hierher verlegt hatten, erlebte Avignon einen rasanten Aufschwung. Es wurde ein geistliches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum von überregionaler Bedeutung. Mit 30 000 Einwohnern war die Stadt eine der größten Kommunen in Westeuropa.

Die längste Brücke Europas

Auch die geographische Lage begünstigte den Aufstieg Avignons. Die Häfen Marseille, Aigues-Mortes und Port-de-Bouc lagen in erreichbarer Nähe, zudem befand sich in der Stadt die letzte Brücke, die vor dem Mittelmeer über die Rhone führte. Heute steht von der berühmten Pont d’Avignon nur noch ein Teilstück, mehrfach zerstört, wurde sie im 17. Jahrhundert aufgegeben. Für die Zeit des Mittelalters aber war sie eine Meisterleistung der Baukunst. Mit ihren 22 Bögen und 900 Metern Länge war sie die längste Brücke Europas.

Heute hat Avignon über 90 000 Einwohner, von denen nur ein Teil in der alten, weitgehend erhaltenen Altstadt lebt. Natürlich gibt es auch hier Bausünden, doch in der Summe vermittelt die südfranzösische Stadt sehr eindrücklich, in welchem Umfeld sich die Humpis im Mittelalter bewegt haben. Allein die viereinhalb Kilometer lange, komplett erhaltene Stadtmauer beeindruckt; durch eines ihrer sieben Türme mussten die Kaufleute im Mittelalter hindurch, um Avignon zu betreten.

Avignon wurde für die Große Ravensburger Handelsgesellschaft der Hauptabsatzmarkt für Zucker. Gesüßt wurde in jener Zeit vor allem mit Honig, Zucker war ein Luxusgut, das den Reichen vorbehalten war und in der Medizin Verwendung fand. Auf Zucker hatten die Humpis in Avignon praktisch ein Monopol. Produziert wurde die Ware in einer eigenen Fabrik unweit von Valencia. Da weite Transportwege damals sehr gefährlich waren (es drohten die Gefahren der Natur ebenso wie Wegelagerer), verkauften die Ravensburger ihren Zucker aus dem Königreich Aragon (heute Spanien) in Avignon.

Die Präsenz der Humpis in Avignon währte nahezu ein Jahrhundert lang. Mit dem Zuckerhandel erzielte die Kaufmannsfamilie enorme Gewinne. Aber auch mit anderen Waren wurde in Südfrankreich gehandelt: mit Fellen, Leder, Reis und Hanf sowie in geringerem Umfang mit Wachs und Safran.

13 europäische Niederlassungen

Das Engagement der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft blieb aber nicht auf den Bereich zwischen Genf und Barcelona beschränkt. Die Kaufleute warfen nach und nach ein Netz von 13 eigenen Niederlassungen in ganz Europa aus. Diese Handelsverbindungen reichten von Brügge über Frankfurt und Nürnberg bis nach Genua.

Die Wende kam Anfang des 15. Jahrhunderts. Die Große Ravensburger Handelsgesellschaft löste sich auf. Eine Erklärung dafür konnten die Historiker bis heute nicht finden. Es gibt zwei Vermutungen: Zum einen strebten die Kaufmannsfamilien immer stärker in den Adelsstand, kauften Bürger und Schlösser, verheirateten ihre erwachsenen Kinder mit Adeligen. Zum anderen brach der Handel mit wertvollen Gütern im Mittelmeerraum irgendwann ein.

Schuld daran war Christoph Kolumbus. Im Jahr 1492 endete nicht nur die fast 800 Jahre währende Präsenz der Araber auf der iberischen Halbinsel, im gleichen Jahr entdeckte Kolumbus auch Amerika. Schon bald entstanden dort, zunächst vor allem im karibischen Raum, riesige Zuckerrohrplantagen, die den Humpis in Europa Konkurrenz machten. Der gesamte Fernhandel verlagerte sich nun weg vom Mittelmeer hin zum Atlantik. Doch in den Atlantikhandel stieg die Familie Humpis niemals ein.

Das Ende des Handels

Der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft hatte zuvor bereits die Zucker-Konkurrenz aus Madeira die Geschäfte in Avignon vermiest. Zuerst wurden daher einige Kontore (Filialen) zusammengelegt, offenbar, weil die Handelsaktivitäten schwieriger wurden. Um 1515 verlieren sich die Spuren der Humpis im französischen Rhonetal.

Ravensburger auf historischen Spuren

Das Ravensburger Museum Humpisquartier erforscht seit Jahren die Fernhandelsgeschichte der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft im Spätmittelalter, an deren Spitze die Familie Humpis stand. Ergänzt wurden die vergangenen Ausstellungen zu deren Aktivitäten in Genua, Barcelona und aktuell Avignon durch Reisen interessierter Menschen aus Ravensburg und Umgebung. Vergangene Woche waren 36 kulturell und historisch Interessierte in Lyon und Avignon unterwegs. In beiden südfranzösischen Städten hatte die Große Handelsgesellschaft eigene Niederlassungen. In Lyon, der drittgrößten Stadt Frankreichs, besichtigte die Gruppe das mittelalterlich erhaltene Zentrum. Im Historischen Avignon standen der Papstpalast, die weltbekannte Brücke, aber auch das Kaufmannsviertel auf dem Programm. Zwei Weinproben und exzellentes Essen rundeten die Reise ab. Die Ausfahrt auf den Spuren der Humpis war eine Kooperation des Museums Humpisquartier, des TUI Reisecenters Ravensburg und der „Schwäbischen Zeitung“. Reiseleiter waren Andreas Schmauder (Museum Humpisquartier) und Renate Richter (TUI Reisecenter). Im Oktober gibt es eine weitere Reise nach Lyon und Avignon. Sie ist bereits ausgebucht.

Die Ausstellung „Die Humpis in Avignon“ ist bis 23. September im Ravensburger Museum Humpisquartier in der Marktstraße 45 zu sehen. Das Museum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr. Eintritt: fünf Euro (bis 18 Jahre ist der Eintritt frei). Zu den Führungen und dem umfangreichen Begleitprogramm gibt es Infos unter 0751/82820 oder www.museum-humpis-quartier.de. Über die Aktivitäten der Humpis in Avignon gibt es auch ein Büchlein der Kuratorin Julia Luibrand (140 Seiten, 9,80 Euro, erhältlich im Museum).

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