Ein alternder Dandy und das Leben in der Kommune sorgen für Vergnügen

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Ein alternder Dandy und das Leben in der Kommune sorgen für Vergnügen
Ein alternder Dandy und das Leben in der Kommune sorgen für Vergnügen
Schwäbische Zeitung

Eigentlich war „Buch-Lese“ im Rahmen der Literaturtage als Open-Air-Veranstaltung geplant. Doch die „Kalte Sophie“ der Eisheiligen wollte es anders. Nass und kalt war es, so versammelten sich die Literaturfreunde an diesem Abend in der Rochuskapelle und nicht, wie geplant, im Alten Friedhof.

Von unserer Redakteurin  Susanne Müller

Nach einer Einführung durch den Stadtführer Günter Grieshaber in die Geschichte der Rochuskapelle, moderierte Claudia Gabler die Lesung von Björn Kern und Oliver Bachmann.

Wer glaubt, der Mai müsse in der Region klimatisch anders sein als wie er sich derzeit zeigt, der liegt vermutlich falsch. Denn als Björn Kern aus seinem Roman „Das erotische Talent meines Vaters“ liest, verfolgen die Zuhörer die Ankunft von Philipp bei seinem Vater am Bodensee zu Zeiten der Fliederblüte. Und später begleitet das Auditorium Vater und Sohn bei einem Schiffsausflug auf dem See. Grau und neblig war das Wetter. – Es muss also wohl so lausig sein um diese Jahreszeit.

Das Klima war nicht Thema von Kerns Lesung, eher das Klima zwischen dem alternden Dandy Jakob und dem ziemlich geradlinigen Sohn Philipp, der auf Veranlassung der Mutter den Vater besucht, um ihn auszuspionieren. Der Sohn lernt, dem Vater mangelt es nicht an Chancen bei den Frauen: „Ich werde verfolgt. Von der Damenwelt“, lässt er den Sohn wissen. Als Philipp ihn auf dem Schiff scheinbar belanglos nach „der Frau vorhin“ fragt, sagt der Vater: „Erst schau’n sie zu einem rüber, dann zerren sie einen ins Bett.“ Da ist es dem Senior egal, ob die Frau kommt oder geht, „Hauptsache sie bleibt nicht.“ Und dann lästert der Alt-68-er über sich und seine Generation: „Nach vier Jahrzehnten erlaube ich mir, das wir durch das ich zu ersetzen.“ Schluss ist mit Solidarität, die der eigenen Karriere im Weg stand. Wobei es Kern nach eigener Aussage nicht um eine Abrechnung mit den 68-ern geht. „Ich habe nichts abzurechnen mit der 68-er Generation“, sagte er.

Pershingraketen seien die Pest unserer Tage, sagte Daniel Oliver Bachmann, weswegen er es äußerst passend fand, in der ehemaligen Pestkapelle am Alten Friedhof zu lesen. Aus dem Blickwinkel eines neunjährigen Buben blickt Bachmann auf die Sit-ins vor dem Mutlanger Pershing-II-Raketenlager zu Beginn der 80-er Jahre. Die Mutter des Jungen trennt sich von ihrem Mann, weil der mit den Raketen zu tun hat, und sie geht in die Kommune. Zum Wiehern komisch sind die Schilderungen der Tage, an denen dieser oder jener Wohltäter in der Kommune auftaucht, um Geld oder Naturalien bei denen abzugeben, die für die in ihren Augen gerechte Sache kämpfen. Wir hören von Pullover tragenden Junglehrern, die ihre Schüler zur Demo mitnehmen, von evangelischen Frauen, die Hefezopf und Jutetaschen mit gesammeltem Geld aus der Tombola bringen, von Professoren, die die Familie als kleinste staatliche Zelle zeihen, die es zu zerschlage gelte. Im Übrigen fordern sie Flexibilität im Denken, die schließlich von der Mutter bestens gelebt wird, indem sie sich schlicht vom Acker macht. Gespickt mit Spontisprüchen der Zeit verschafft Bachmann allen, die sich an die Zeit erinnern, ein Déjà-vue. Das Gelächter bestätigte die gezeichneten Bilder. Ein rundum amüsanter Abend, der Lust auf die Lektüre machte.

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