Drosten befürchtet nachlassende Impfbereitschaft

Coronavirus - Impfung
Ein Mann wird mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft. Der Virologe Christian Drosten hat vor Rückschlägen für die Corona-Impfkampagne über den Sommer in Deutschland gewarnt. (Foto: Marijan Murat / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Der Virologe Christian Drosten hat vor Rückschlägen für die Corona-Impfkampagne über den Sommer in Deutschland gewarnt.

Man müsse aufpassen, dass die Menschen künftig nicht nachlässig würden und sich zum Beispiel die Zweitimpfung nicht mehr abholten, weil sie keine Lust mehr hätten oder es zu kompliziert sei, sagte der Leiter der Virologie der Berliner Charité im Podcast „Coronavirus-Update“ (NDR-Info). „Solche Dinge dürfen einfach nicht eintreten. Das wird, glaube ich, die nächste große Aufgabe sein.“

Augenmerk muss momentan auf Menschen ab Mitte 40 liegen

Drosten erwartet demnach in einigen Wochen eine Diskussion über die Förderung der Impfbereitschaft. Ziel seien mindestens 80 Prozent Zweifachimpfungen, zumindest in der „impffähigen erwachsenen Bevölkerung“, erinnerte er. Dies werde hoffentlich bis Ende August, Mitte September erreicht werden. Auch nach der Aufhebung der festgelegten Reihenfolge seit Montag bleibe es zunächst wichtig, die Gruppen zu impfen, in denen dies wegen des erhöhten Covid-19-Risikos dringlich sei. Das Augenmerk müsse im Moment noch auf der Versorgung der Menschen ab Mitte 40 liegen, so Drosten. Aktuell liegt der Anteil der vollständig Geimpften in der Bevölkerung bei knapp 22 Prozent.

Dass die Impfkampagne nicht ins Stocken gerät, ist für den Wissenschaftler auch vor dem Hintergrund der als besorgniserregend eingestuften Virusvarianten wichtig: Die zunächst in Indien entdeckte Mutante Delta oder ähnliche Varianten würden „sicherlich bis zum Herbst hier auch das Feld dominieren“, sagte Drosten. Es gelte, bis dahin für eine möglichst hohe Impfquote bei Erwachsenen zu sorgen. „Dann werden wir keine großen Probleme haben“ - ein kleines Fragezeichen sehe er diesbezüglich nur beim Thema Kinder. In England würden Ausbrüche in Schulen durch die Delta-Variante beobachtet.

Varianten müssen im Blick behalten werden

Als besorgniserregend werden Varianten eingestuft, wenn sie sich zum Beispiel möglicherweise leichter verbreiten, schwerere Krankheitsverläufe verursachen oder wenn sich das Virus so verändert hat, dass der Schutz von Geimpften und Genesenen beeinträchtigt sein könnte. Bei der Delta-Variante, die Experten in England Sorgen bereitet, sieht Drosten unverändert Unklarheiten. Erst wenn das Virus dort immer weiter in die breite Bevölkerung komme, werde man sehen, was es wirklich mit dem Virus auf sich habe, sagte er.

Für Drosten ist der Blick auf die Delta-Entwicklung in anderen Ländern wichtig: Bisher sei aber weder in Dänemark, wo viele Proben analysiert werden, noch in Deutschland in den vergangenen Wochen eine starke Zunahme zu sehen. In Deutschland lag der Anteil von Delta an untersuchten Proben nach Berichten des Robert Koch-Instituts aus den vergangenen Wochen bei um 2 Prozent. Drosten berichtete von inoffiziellen Zahlen, die suggerierten, dass es nun „vielleicht eine leichte Erhöhung gibt, aber sicherlich wohl keine Verdoppelung“. Eine Verdopplung der Werte von Woche zu Woche sei in England beobachtet worden.

„Natürlich wird die Fallzahl gen Winter wieder hochgehen. Das kann auch schon im Herbst passieren. Aber das wird ab jetzt jeden Winter passieren“, sagte Drosten. Die Situation sei dann durch den erwarteten Effekt der Impfungen auf Krankheitsverläufe aber verändert: Würde man strikt nur Labornachweise messen, sähe man wohl eine Art vierte Welle. Aber es sei dann keine pandemische Welle mehr. Drosten hatte auch zuvor schon mehrfach betont, dass er langfristig damit rechnet, dass sich Sars-CoV-2 wie die altbekannten Coronaviren verhalten werde, die Erkältungen auslösen.

Kritik an WHO-Vorgehen bei Experten-Kommission

Nach seiner bereits am Wochenende in einem Interview geäußerten Annahme, dass Corona von Fledermäusen über die Pelzindustrie zum Menschen gelangt sein könnte, regte Drosten eine entsprechende wissenschaftliche Untersuchung an - „die aber natürlich rein in China und von chinesischen Wissenschaftlern durchgeführt werden kann und sollte“. Möglicherweise sei das Virus aber heutzutage in Zuchtbetrieben gar nicht mehr zu finden, etwa weil Bestände längst gekeult wurden. Möglich sei auch, dass der Erreger aus der Zucht in einem anderen Land über Handelsbeziehungen nach China gekommen sei.

Das Vorgehen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die wegen ungeklärter Fragen eine Experten-Kommission nach China geschickt hatte, kritisierte Drosten deutlich. Unter anderem sei das Zustandekommen der Gruppe nicht transparent gewesen. Auch entspreche das Vorgehen nicht dem üblichen wissenschaftlichen Prozess. Der Bericht der Gruppe lese sich, als hätte man „einige der Fragen hier in der kurzen Zeit schon gut abgeklopft“. Drosten sagte: „Das ist für mich wirklich auch nicht akzeptabel.“

Über Versuche, den Grundlagen mancher Mutmaßungen über den Beginn der Pandemie nachzugehen, sagte er: „Geht man dann an die Quelle, so wie man das zumindest als westlicher Wissenschaftler kann, dann stößt man auf ein Nichts.“

© dpa-infocom, dpa:210608-99-915528/3

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