Dokumentation: Pressestimmen zum Amoklauf

Lesedauer: 7 Min
Deutsche Presse-Agentur

Das Massaker in Baden-Württemberg beherrscht die Schlagzeilen. dpa dokumentiert eine Auswahl deutscher Zeitungen:

Die „Eßlinger Zeitung“ schreibt:

„Die wahnwitzige Tat hinterlässt zudem ein tiefsitzendes Gefühl der Ohnmacht. Wie um Himmels willen können solche Taten verhindert werden? Auch wenn jetzt Politiker wie auch selbst ernannte Experten mit wohlfeilen Ratschlägen auf der Matte stehen die hinausposaunten Patentrezepte sind allenfalls Ausdruck der eigenen Hilf- und Sprachlosigkeit. Wer die Situation nüchtern analysiert und die genannten Rezepte mustert, wird einräumen müssen, dass Taten solcher Amokläufer nicht zu verhindern sind. Wer zum Beispiel jetzt propagiert, während der Unterrichtsstunden müssten die Klassen von innen abgeschlossen werden, der übersieht, dass es auch Pausen gibt und Schulen kein Hochsicherheitstrakt sind. Wer Amok laufen will wie Tim K., der wird seinen Weg finden.“

„Rhein-Neckar-Zeitung“ (Heidelberg):

„Winnenden, Erfurt, Alabama das Muster ist immer dasselbe. Und die Reaktionen gleichen sich. Aber sind wir völlig hilflos? Seit Erfurt 2002 sind das Waffenrecht und das Jugendstrafrecht verschärft worden. Aber seit Erfurt gibt es immer noch zu wenig Lehrer und Schulpsychologen. Und es mangelt weiterhin daran, was allein helfen kann, eine solche Tat zu verhindern: Das Erkennen und Deuten klarer Zeichen, auch Hilferufen, die solche Täter aussenden, bevor sie auf den Tripp gehen. Es fehlt am sozialen Frühwarnsystem - an der Courage und am Mitgefühl in der Gruppe, in der Schule, im Elternhaus, um solche labile Jugendliche zu retten.“

Die „Märkische Allgemeine“ aus Potsdam schreibt:

„Es gehört zu der furchtbaren Logik solcher Amok läufe, dass ihnen bei aller Unerklärlichkeit auch eine Art Gesetz der Serie innewohnt: Obwohl es keine Verbindung zwischen den Tätern gibt, nehmen gestörte Seelen Betroffenheit und Schmerz, vor allem aber die große öffentliche Aufmerksamkeit bei jedem neuen Fall vermutlich intensiv zur Kenntnis. Kannte man vor Jahren das Phänomen derartiger Massaker in Deutschland noch gar nicht, so weiß jeder ausrastende Killer inzwischen, in welche Reihe er sich einordnet. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass die Brutalität dieser Verbrechen zunimmt und die Opferzahlen tendenziell steigen.“

Aus der „Süddeutschen Zeitung“:

„Wenn es einen Weg gibt, um die Amokläufe von Schülern zu verstehen, dann liegt er in solchen Sätzen verborgen: in der Verbindung zwischen der Wahrnehmung, gescheitert zu sein, und dem Anspruch auf Anerkennung, den anscheinend nur der Erfolgreiche erheben kann. Der eigene - tatsächliche oder auch nur vermeintliche - Misserfolg wird als fundamentale Verletzung des Selbstwertgefühls empfunden. Das aber ist alles andere als ungewöhnlich: Denn der Glaube, der Schlüssel zum Erfolg liege in einem selber und dabei nicht zuletzt im eigenen Selbstbewusstsein begraben, gehört zur psychischenrundausstattung unserer Gesellschaft.“

Der „Express“ (Köln) schreibt:

„Der Amoklauf von Winnenden - er lässt uns fassungslos. Genau wie die Tatsache, dass ein 17-Jähriger scheinbar mühelos an Waffen kam. 18 Pistolen soll der Vater des Täters, ein Sportschütze, ganz legal im Haus gehabt haben. Wenn auch in einem offenbar ungesicherten Waffenschrank. 18 Waffen in einem Haushalt. Das ist unverantwortlich. Selbst wenn die volle Berechtigung besteht, die Waffen zu besitzen, könnten diese doch auch im Sportschützenverein in einem gesicherten Schrank untergebracht werden. Denn für manche Jugendliche ist die Versuchung einfach zu groß. Die Versuchung, sich „geil, toll,mächtig“ zu fühlen - mit der Knarre in der Hand. Vor dieser Versuchung müssen wir unsere Kinder schützen. Und auch alle Unschuldigen.“

Der „Weser-Kurier“ aus Bremen:

„Nach jedem Amoklauf sind es zwei große Fragen, die das fassungslose Publikum quälen. Was trieb ihn zu der Tat? Wie können wir vorbeugen, damit so etwas nicht wieder passiert? 114 Amok-Drohungen habe es in den letzten zwei Jahren allein an den Schulen Baden-Württembergs gegeben, verlautbarte gestern aus dem Stuttgarter Innenministerium. Aha. Und dann wurden die ?Vorgänge? wahrscheinlich zwischen 228 Aktendeckeln beerdigt. Vielleicht ist gestern einer von ihnen als sehr realer Zombie auferstanden - und hat die alten Fragen mitgeweckt. Der Preis für die Antworten ist um weitere 17 Leben gestiegen.“

„Wiesbadener Kurier“:

„Unser tages- bisweilen sekundenaktuelles Nachrichtengeschäft hat feste Regeln. Noch in der Minute der Tat wird mit der Ursachenforschung und Schuldzuweisung begonnen. Als ob das Geschehene damit ungeschehen gemacht werden könnte. Eltern haben ihre Kinder, Kinder haben ihre Eltern verloren. Tragödien haben sich rund um die Realschule in Winnenden abgespielt. Und ein junger Mensch, keine Naturkatastrophe hat dieses Übel über seine Mitmenschen gebracht. Zugleich durchleben Bewohner eines Städtchens in Alabama ähnliche Qualen. Da muss Zeit sein, einfach einmal mit zu trauern, mit zu fühlen mit anderen, die ihnen nahe und nächste Verwandte und Bekannte verloren haben.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen