Doku-Drama „Die Wannseekonferenz“

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Schwäbische Zeitung

Hamburg (dpa) - 20. Januar 1942: Draußen rieselt leise der Schnee, drinnen werden Wein und feinste Speisen gereicht. Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts hat 15 hochrangige Vertreter der SS, der NSDAP und verschiedener Ministerien in die Berliner Villa „Am Großen Wannsee“ geladen.

Die streng geheime Konferenz behandelt nur ein Thema: die Koordinierung der bereits beschlossenen „Endlösung der Judenfrage“. Ihr Ergebnis ist verheerend: Bis zum Kriegsende ermorden die Nazis in Europa rund sechs Millionen Juden.

Der amerikanische Regisseur Frank Pierson, der 1976 für das Drehbuch des Films „Dog Day Afternoon“ den Oscar bekam, hat aus dem Treffen der Massenmörder den Film „Die Wannseekonferenz“ gemacht, eine Art Kammerspiel. Das 95 Minuten lange Doku-Drama von 2001 ist an diesem Freitag um 20.15 Uhr auf Arte zu sehen.

Möglich wurde der eng an den wahren Geschehnissen inszenierte Film, weil 1947 im Auswärtigen Amt eine Protokoll-Kopie der Geheim- Konferenz entdeckt wurde. Auf ihrer Grundlage schrieb Loring Mandel das Drehbuch des Doku-Dramas, das für den US-Kabelsender HBO unter dem Titel „Conspiracy“ (Verschwörung) produziert wurde. Den selben Stoff hatte Heinz Schirk 1984 mit Dietrich Mattausch verfilmt und dafür unter anderem den Adolf-Grimme-Preis bekommen.

Die Pierson-Film wurde unter anderem mit Emmy, Golden Globe und dem britischen BAFTA Award ausgezeichnet. In ihm verkörpert der britische Schauspieler Kenneth Branagh („Wallander“) den kaltschnäuzigen Heydrich mit zynischem Lächeln und blauen Eisaugen.

Zu den herausragenden Schauspielern gehört auch Stanley Tucci als SS-Offizier Adolf Eichmann, Leiter des Referats „Judenangelegenheiten und Räumung“ im Reichssicherheitshauptamt. Der echte Eichmann wirkte unscheinbar und trat so zurückhaltend auf, dass er nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes noch fünf Jahre lang unerkannt in Deutschland leben konnte. Die Philosophin Hannah Arendt nannte ihn „schrecklich und erschreckend normal“. Tucci bringt den Charakter mit bemerkenswert sparsamer Mimik und Gestik auf den Punkt. Colin Firth spielt Staatssekretär Wilhelm Stuckart.

Schmerzhafter noch als der Anblick der Schergen sind ihre Dialoge: perfide, kalt, menschenverachtend. Wie beiläufig wird über den Holocaust geplaudert, nebenher am Glas genippt. Deportation, Säuberung, Sterilisation. Wer vorsichtig Unwohlsein artikuliert, wie etwa Reichskanzlei-Ministerialdirektor Wilhelm Kritzinger, der später in den Nürnberger Prozessen seine Beschämung für die Grausamkeiten der Nazis zum Ausdruck brachte, den knöpft sich der machtbewusste Heydrich in Einzelgesprächen vor. „Der Tod ist die sicherste Form der Sterilisation“, sagt Heydrich. Dann rechnen die Nazis hoch, wie viele Juden sie in den Gaskammern in Auschwitz umbringen könnten: 60 000 täglich. „Das sind 21 Millionen im Jahr“, stellt Eichmann fest, „falls es je so viele gegeben hat.“

In der Villa Marlier, die nach dem Krieg als Schullandheim diente und heute eine Gedenkstätte ist, erklingt zum Schluss Musik von Franz Schubert. Es wirkt wie der Ausklang eines geselligen Abends.

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