Die Welt schaut auf einen Mann: Obama übernimmt

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Deutsche Presse-Agentur

Die Augen der Welt ruhen auf einem Mann: Der 47 Jahre alte Demokrat Barack Obama legt vor Millionen Menschen in Washington als erster schwarzer Präsident der US- Geschichte seinen Amtseid ab.

Symbolträchtig wird er dabei auf den Stufen des Kapitols, das einst von Sklavenhand erbaut wurde, seine Hand auf jene Bibel legen, auf die schon Präsident Abraham Lincoln vor fast 150 Jahren seinen Eid schwor.

Obamas Präsidentschaft kündet von der Vollendung der Politik Lincolns, der die Sklaverei abschaffte - und der Verwirklichung des „Traums“ von Martin Luther King. Der Bürgerrechtler hatte vor über 45 Jahren vier Kilometer vom Kapitol entfernt vor der Lincoln- Gedenkstätte die Gleichberechtigung der Schwarzen beschworen. Genau dort, wo Obama am Sonntag vor Hunderttausenden Zuschauern mit Rockstars wie Bruce Springsteen und U2 den Beginn der „neuen Ära“ feierte.

Der historische Amtswechsel im Weißen Haus hat die „beeindruckende Fähigkeit Amerikas zur Selbsterneuerung“ („New York Times“) bewiesen - aber mit ihm verbinden sich auch enorme Erwartungen. Am Dienstag beginne der „Neustart für unsere Nation“, so Ex-Außenminister Colin Powell. Der charismatische Obama soll als Führer der Supermacht in Zeiten von Kriegen und Wirtschaftskrisen seinem Land und der Welt neue „Hoffnung“ geben, einen „Wandel“ zu Frieden und wirtschaftlicher Blüte bewirken. Mit diesen Versprechen hatte er seine Landsleute begeistert und den Wahlsieg errungen.

Mit dem Amtseid beginnt für Obama die knallharte Zeit der politischen Bewährung. „Die Erwartungen und Hoffnungen, die nun weltweit auf Obama ruhen, sind gewaltig, übertroffen werden sie vermutlich nur von dem Gebirge an ungelösten Problemen, Krisen und Konflikten, die ihm George W. Bush hinterlässt“, schrieb Ex-Außenminister Joschka Fischer. „Kann ein einzelner Mensch diesen riesenhaften Erwartungen überhaupt gerecht werden?“

Die ungeheure Zahl der Menschen rund um das Kapitol und auf der „National Mall“ wird Obama noch mal vor Augen führen, wie sehr ihn seine Landsleute verehren. Er startet auf einer Woge der Euphorie. Obama übernimmt ein Land, das nach acht Jahren Bush in zwei Kriege verstrickt ist, das in eine Wirtschaftskrise hineinschliddert, die er als „die schwerste Krise seit Generationen“ bezeichnet - und ein Land, in dem die Menschen, völlig untypisch für Amerika, an sich selbst zu zweifeln begonnen haben.

Das Ansehen der USA befand sich unter Bush in vielen Teilen der Welt auf einem Tiefpunkt. Irakkrieg, Menschenrechtsverletzungen im Namen Amerikas und Erfolglosigkeit an den Krisenherden gehören zum außenpolitischen Erbe, das Obama übernimmt. Für die Amerikaner noch wichtiger ist aber, wie er die Krise der Ökonomie angeht. „Wir haben den Tiefpunkt noch gar nicht erreicht“, warnt Obama. Noch kennt niemand das wirkliche Ausmaß der Krise. Obama übernimmt nicht wie Franklin D. Roosevelt 1933 eine Arbeitslosigkeit von 25 Prozent. Sie beträgt nur 7,2 Prozent, was für die USA schon sehr hoch ist. Selbst das Obama-Team glaubt nicht an eine rasche Wende.

„Ja, wir schaffen das“, lautete der eingängige Wahlkampfslogan Obamas. Und er hat in einem dramatischen Wahlkampf bewiesen, dass er wie kein anderer politischer Außenseiter vor ihm seit John F. Kennedy in der Lage ist, zu kämpfen, zu inspirieren und Menschen mitzureißen, dass er ein schlagkräftiges, kompetentes Team zusammenstellen kann. Er nutzte erstmals mit größter Effizienz moderne Medien wie SMS, die Videoplattform „You Tube“ oder soziale Web-Netzwerke wie „Facebook“ - und will das zur Mobilisierung der Bürger auch weiter tun. Angesichts seiner weltweiten Popularität und seiner Glaubwürdigkeit steht Obamas Start unter einem äußerst günstigen Stern.

Schon bei der Zusammenstellung seiner Regierung und der Dauerpräsenz in den Medien seit dem Wahlsieg hat Obama Tatkraft und Geschick bewiesen. Auch wenn er die Parteilinke enttäuscht hat, zeugt sein Team - mit Außenministerin Hillary Clinton und dem weiter amtierenden Verteidigungsminister Robert Gates - von kühlem Pragmatismus. Entgegen dem Vorwurf von Republikanern, er sei ein „linker Ideologe“, strebt Obama bisher nüchterne Lösungen an. Amerika soll sich lösen von „Ideologie, Kleingeistigkeit, Vorurteilen und Engstirnigkeit“, wie er am Samstag erneut betont.

Obamas Pragmatismus bedeutet aber auch, dass seine Wahlversprechen, den Irakkrieg rasch zu beenden und das umstrittene Gefangenenlager Guantánamo zu schließen, nicht ganz so rasch umgesetzt werden. Obama sagt zwar, „Folter wird es nicht geben“, aber schon jetzt hören sich seine Äußerungen über die Aufgaben des Geheimdienstes CIA sehr viel differenzierter an als früher.

Die Freude in Europa über Obamas Wahlsieg könnte auch rasch getrübt werden, wenn er neue Anstrengungen in Afghanistan und im Irak verlangt. Auch wird Europa gefordert sein, wenn Obama trotz des angestrebten „neuen Ansatzes“ in der Iranpolitik rasch neue Sanktionen und mehr politischen Druck auf Teheran einklagen wird. Denn „ein nuklear bewaffneter Iran ist nicht akzeptabel“, wie Obama mehrfach betont hat, dieses Problem „hält mich nachts wach“.

Obama weiß, dass er auch enttäuschen wird: Er warnt seine Mitbürger, dass „alle Opfer bringen müssen“, „es erst einmal schlimmer wird, bevor es besser wird“. Auch die Realisierung seiner sozialen und umweltpolitischen Pläne ist gefährdet. Noch ist unklar, ob sein Konjunkturprogramm - die Rede ist von 1,3 Billionen Dollar (955 Milliarden Euro) - im Kongress eine Mehrheit findet, ob die 50 Millionen US-Bürger ohne Krankenversicherung bald Hilfe erhalten.

Obama hat seine Landsleute mit der „Vision“ eines besseren, moralischen, eines „neuen Amerikas“ überzeugt - aber er tritt nicht als Revolutionär an, er glaubt an den „amerikanischen Traum“, den freien Markt, auch wenn er das größte staatliche Investitionsprogramm in der US-Geschichte anstrebt. Schon in seiner Biografie schrieb Obama, dass er vielen Menschen als „Projektionsfläche“ für eigene politische Träume diene. Die Realität, als 44. Präsident der USA die Geschicke des mächtigsten Staates zu bestimmen, wird zwangsläufig viele ernüchtern.

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