Redakteurin Ellwangen/stellv. Redaktionsleitung

Ellwangen - Suppenküchen sind keine Erfindung von heute. Es hat sie schon früher gegeben. 1817 wurde eine in Ellwangen eingerichtet.

Die Stadt hatte ein schweres Jahr hinter sich. Getreide war so knapp, dass eine Suppenküche eingerichtet wurde. In einer Spinnstube konnten die Armen etwas Geld verdienen.

Schuld war der Vulkan Tambora in Indonesien. Er ist im April 1815 ausgebrochen. Seine Asche hat die Atmosphäre so verdunkelt, dass das Jahr 1816 als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte eingegangen ist. Es gab massive Ernteausfälle. Weil das Angebot klein und die Nachfrage groß war, stiegen die Preise. Das bekamen vor allem die Armen zu spüren.

So wurden überall im Königreich Württemberg Suppenküchen eingerichtet. Auch in Ellwangen. Darauf ist Stadtarchivar Christoph Remmele in den Tiefen des Stadtarchivs gestoßen. Die Suppenküche hat nicht der Magistrat betrieben, sondern ein Armen- und Wohltätigkeitsverein, der im Januar 1817 gegründet wurde.

Der Verein hat über alles akribisch Buch geführt. Ab 10. Februar werden die Armen in der Suppenküche verköstigt. Der letzte Eintrag ist vom 16. August 1817. Vermutlich, weil die neue Ernte da schon eingebracht und wieder genug bezahlbares Getreide auf dem Markt war.

Königin Katharina spendet 100 Gulden als Startgeld

Den Start der Suppenküche hatte Königin Katharina (sie hat das Katharinen-Hospital in Stuttgart gegründet) mit 100 Gulden unterstützt. Sehr großzügig war das nicht, gemessen daran, dass der Ellwanger Wohltätigkeitsverein pro Tag rund 25 Gulden für Zutaten, Köchin und Küchenhelfer ausgeben musste. Aber vermutlich war der Ellwanger auch nicht der einzige Wohlfahrtsverein, der von der Königin eine Anschubfinanzierung bekommen hat.

Finanziert hat sich der Verein mit Spenden von Bürgern und der Geistlichkeit und hat es immerhin geschafft, genug Geld aufzutreiben, um die Suppenküche ein halbes Jahr zu unterhalten.

Weil der Wohltätigkeitsverein penibel notiert hat, wofür er das Geld ausgegeben hat, wissen wir heute, dass zum Beispiel am 29. März 1817 15 Pfund Fleisch eingekauft wurden. Dazu 28 Pfund Brot, 0,75 Simri Erbsen, 3,5 Simri Erdbirnen (Kartoffeln), 28 Pfund Graupen und 5,25 Pfund Salz. Ein Simri war ein Hohlmaß und entspricht etwa 18 bis 25 Kilogramm. Dazu kamen Gewürze und Kräuter und der Lohn für die Köchin, ihre zwei Helferinnen und einen Tagelöhner fürs Holzspalten.

Es sind große Mengen verarbeitet und aufgetischt worden. Laut Ratsprotokoll sind rund 300 Arme in der Suppenküche versorgt worden, hat Remmele herausgefunden. Jeder habe anderthalb Schöppen bekommen. Das war etwa ein Dreiviertelliter. Gekocht wurde jeden Tag, auch Samstag und Sonntag.

Was auf dem Speiseplan stand, hat der Verein fein säuberlich notiert: Alles, was satt macht. Reissuppe mit Kartoffeln, Rumford-Suppe (siehe Kasten), Linsensuppe, Kuttelflecksuppe, Spätzle mit Kartoffeln, Kartoffelschnitz und wieder Rumford-Suppe. Erstaunlich findet Remmele, dass jeden Tag Fleisch in der Suppe schwamm, auch freitags. Und das im katholischen Ellwangen.

Eine Spinnanstalt soll den Armen Einkünfte verschaffen

Untergebracht war die Suppenküche vermutlich im Spital, dem heutigen Rathaus. Remmele hat einen Hinweis gefunden, dass Suppenküche und Spinnanstalt im gleichen Haus waren. Und die Spinnanstalt war im Spital. Auch sie wurde vom Wohltätigkeitsverein betrieben. Er kaufte Wolle, Werg (eine Art Hanf) und Flachs (Leinen) ein, mit dem Spinnen der Materialien konnten sich die Armen etwas dazuverdienen.

Das Hungerjahr 1816 hat auch den Magistrat der Stadt nicht kalt gelassen. Er hat zum Beispiel versucht, Lebensmittel zu beschaffen. So wurde über eine Getreidelieferung aus Mainz verhandelt. Daraus wurde nichts, der Preis war zu hoch. Der Magistrat hat auch die Bier- und Brotpreise festgelegt. So kostete am 2. Mai 1816 die Maß Weißbier 4 Kreuzer und Braunbier 8 Kreuzer. Im November waren es schon 7 und 10 Kreuzer. Im November 1816 bekamen die Ellwanger für einen Kreuzer noch 3 Lot Brot, im August 1817 war das Brot nur noch 2 Lot und ein Quäntchen schwer. Womit jetzt auch klar ist, woher der Begriff, ein Quäntchen beitragen, herkommt.

Lord Rumford war Amerikaner

Die Rumford-Suppe taucht ziemlich häufig auf dem Speisezettel der Ellwanger Suppenküche auf. Erfunden hat sie ein gewisser Lord Rumford. Der war, anders als sein Name vermuten lässt, kein englischer Adliger mit einem Herzen für hungrige Mäuler, sondern Amerikaner.

Rumford wurde 11753 in Massachusetts geboren und stand als Offizier während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs im Dienst der Engländer. Er floh deshalb nach London, suchte dann sein Glück in Wien und landete schließlich in München, wo er 14 Jahre blieb. Zwischen 1788 und 1796 erarbeitete er ein Reformprogramm, für das er zum Reichsgrafen von Rumford geadelt wird. Das Münchner Stadtmuseum hat ihm 2014 eine Ausstellung gewidmet.

Rumford war Wissenschaftler, Sozialreformer und Erfinder. Er gilt als Initiator des Englischen Gartens in München. Zu seinen vielen Reformen zählte auch die Einrichtung eines Arbeitshauses. Dort wurden Uniformen für die bayerische Armee hergestellt. Weil dort täglich über tausend Menschen ernährt werden mussten, erfand Rumford die gehaltvolle Rumford-Suppe. Sie besteht zum größten Teil aus Kartoffeln, weshalb es auch als Rumfords Verdienst gilt, die Kartoffel in Bayern populär zu machen.

Im Internet finden sich für die Suppe mehrere Rezepte. Eine noble Version auf chefkoch.de veredelt sie mit Fasan. Die meisten Rezepte kommen aber ganz ohne Schnickschnack und Fleisch aus. Vermutlich ist diese Variante auch in der Ellwanger Suppenküche serviert worden.

Das Rezept

So geht’s: Eine Tasse Graupen, eine Tasse gelbe Schälerbsen, vier Tassen Kartoffeln in Würfeln und drei Tassen Wasser werden gekocht, bis alles weich ist. Das dauert wegen der Schälerbsen rund anderthalb Stunden. Dazu kommen Lorbeerblätter und Thymian, getrocknet oder frisch. Salz sollte man erst zufügen, wenn alles gar ist, sonst verlängert sich bei Hülsenfrüchten die Kochzeit. Den Pfiff gibt dann Bieressig, der sich aber sicher auch durch einen anderen milden Essig ersetzen lässt. Bieressig ist wohl deshalb im Rezept, weil rund um München mehr Bier gebraut wird als Wein wächst.

Die Suppe ist farblich beige, die Konsistenz ist eher dick und sie schmeckt cremig, aber unauffällig. Mit den Kohlehydraten der Kartoffeln und der Graupen und dem Eiweiß aus den Schälerbsen ist sie ein Sattmacher erster Güte. Wer’s nachkochen will, sollte bei den Mengen Vorsicht walten lassen. Dass Nachschlag verlangt wird, ist eher unwahrscheinlich.

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