Die Kulturstadt Linz will sich verändern

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Deutsche Presse-Agentur

Auf dem Weg von Schmuckkästchen Salzburg ins pompöse Wien ist Linz leicht zu übersehen: Hier gibt es kein Alpenpanorama, keinen vom Weltkulturerbe geschützter Barock-Charme, keine Pferdekutschen-Romantik.

Nur in Koch- und Geschichtsbüchern ist die Stadt mit ihrer traditionellen Marmeladen-Mürbeteig-Torte und als Objekt von Adolf Hitlers Größenwahn-Fantasien verewigt. Nun aber will sich Linz als eine der beiden Europäischen Kulturhauptstädte 2009 beweisen. Es wirbt mit dem Motto „Linz verändert“ - seine Besucher, seine Bewohner und vor allem sich selbst. Die Industriestadt Linz bietet dabei eine moderne Kulturszene und viel Natur in der Stadt.

Hoch über der Stadt in der Martinskirche blickt ein gekreuzigter Jesus von einem Fresko von 1440 den Betrachter streng an - er ist wohl der älteste Nachweis der Internationalität von Linz. „Es ist die Darstellung von Volto Santo aus dem italienischen Lucca. Wie sie hier her gekommen ist, weiß niemand“, sagt Stadtführerin Birgit Paltinger. Vermutlich habe ein Händler die Darstellung gesehen und sie in Linz kopieren lassen. Denn schon immer brachte der Fluss Menschen aus allen Ecken Europas dorthin, wo die Donau einen Bogen macht.

„Das hier war mal der größte Marktplatz Österreichs“, sagt Paltinger und blickt auf dem langgezogenen Rechteck um sich. Die eng aneinandergedrängten Häuser zeugen von der damaligen Immobilienkrise: „Jeder der Kaufleute wollte damals die gute Adresse direkt am Marktplatz haben, deshalb wurde so eng gebaut“. In vielen Häusern der Altstadt haben sich heute Kunsthandwerker und Galerien angesiedelt.

In ihrem Laden in der Hofgasse versucht die Schmuckdesignerin Sieglinde Almesberger neben der berühmten Torte noch andere Linzer Souvenirs zu etablieren: Sie verkauft Ketten, Armbänder und Ringe aus Donaukieseln und silberne Kugeln, die an die Geschichte als Stahlstadt erinnern sollen. „Vor 15 Jahren bin ich immer mit meinem kleinen Sohn an der Donau spazieren gegangen und habe Steine gesammelt - da kam mir die Idee zu dem Schmuck“, sagt Almesberger. Die Donau wird ihrer Meinung nach in Linz heute stark unterbewertet: „Wenn ich sehe, wie der Fluss in anderen Städten genutzt wird, würde ich sagen, er ist in Linz etwas in Vergessenheit geraten.“

Die Aufgabe als Lebensader hat vor allem die Autobahn übernommen, die täglich rund 100 000 Pendler in die Stadt bringt. „Linz hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner“, sagt Bürgermeister Franz Dobusch. Unternehmen wie der Stahlkonzern Voestalpine oder die Chemie Linz machen die Stadt zu einem der größten Industriestandorte des Landes.

Die Kulturschaffenden, die Linz als moderne Stadt mit wegweisender Kunstszene etablieren wollen, müssen dagegen auch immer gegen interne Widerstände kämpfen. Der spektakuläre brückenförmige Bau des Lentos Kunstmuseums am Donauufer hatte zum Beispiel bei der Bevölkerung schnell den Spitznamen „Schuhschachtel“ weg. „Es haben sich auch zahlreiche Bürger beschwert, dass sie sich von der verspiegelten Fassade geblendet fühlen“, erinnert sich Paltinger. Und zum etablierten Medienkunstfestival „Ars Electronica“, das sich jährlich aktuelle gesellschaftspolitische Fragen stellt, kommen zwar Gäste aus aller Welt - aber meist nur einige junge Besucher aus Linz.

„Wenn es eine Sache gibt, die ich Linz gerne im Kulturhauptstadtjahr mitgeben würde, ist das mehr Internationalität“, sagt der stellvertretende Intendant von Linz 09, Ulrich Fuchs. Das Programm versuche, Linzer an Kunst und Kultur heranzuführen, um einer gewissen Provinzialität und Spießigkeit entgegenzuwirken. „Der Linzer ist schon jemand, der offen ist für Schräges und Neues“, sagt Fuchs. Die bereits laufende Ausstellung „Kulturhauptstadt des Führers“ zur NS-Vergangenheit der Stadt etwa sei überdurchschnittlich gut besucht.

Linz scheut sich nicht, auch im Kulturhauptstadtjahr ein nicht stolz herzeigbares Kapitel seiner Geschichte zu präsentieren. Denn die Stadt sollte schon einmal Zentrum von Kunst und Kultur werden - allerdings aus einer anderen Perspektive. Adolf Hitler, der in Linz zur Schule gegangen war, plante Prunkbauten und Prachtstraßen. Die „Reichswerke Hermann Göring“ entstanden als Stahl- und Rüstungsbetrieb und sind der Vorläufer der heutigen Voest.

Luftangriffe der Alliierten zerstörten im Zweiten Weltkrieg weite Teile der Stadt. Anschließend kämpfte Linz jahrzehntelang mit seinem Image als graue Industriestadt. Doch Umweltmaßnahmen, Investitionen in die Kultur und eine Rückbesinnung auf die Historie mit großen Namen wie Anton Bruckner, der hier Domorganist war, ließen sie sich langsam mausern. „Ich glaube, dass Linz eine sehr, sehr unterschätzte Stadt ist“, sagt der Bürgermeister. Im Kulturhauptstadtjahr will die spröde Schöne nun gleich ganz Europa überraschen und zeigen, dass sie deutlich mehr kann als nur Marmeladen-Mürbeteig-Torte backen.

Programm der Kulturhauptstadt Linz: www.linz09.at

Website der Stadt Linz: www.linz.at

Reiseziel: Linz ist die Hauptstadt von Oberösterreich und mit gut 189 000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Österreichs. 2009 ist sie zusammen mit Vilnius in Litauen die Europäische Kulturhauptstadt.

Anreise: Linz ist nur rund 50 Kilometer von der Grenze zu Bayern entfernt und leicht per Zug, Auto oder Flugzeug erreichbar. Die nächste größere Stadt auf deutscher Seite ist Passau, von dort aus fahren Regionalzüge. Zudem gibt es stündlich ICE-Verbindungen von Passau und München aus. Mit Lufthansa und Austrian Airlines gibt es Direktflüge nach Linz von Düsseldorf, Frankfurt und München aus. Autofahrer nehmen die deutsche Autobahn A 3, die nach Passau zur A 8 wird. Von Wels aus dann weiter auf der A 25 und A 1 bis nach Linz.

Klima und Reisezeit: Kältester Monat ist mit durchschnittlich minus 2,2 Grad Celsius der Januar. Im Juli liegt die mittlere Temperatur dagegen bei 18,4 Grad, tagsüber kann es deutlich wärmer werden. Im Sommer regnet es häufiger als in den anderen Jahreszeiten.

Währung: In Österreich wird mit dem Euro bezahlt.

Informationen: Tourist-Information und Linz-09-Infocenter, Hauptplatz, A-4020 Linz; Telefon: 0043/732/70 70 20 09.

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