Die „Judenfamilie“ sollte raus aus dem Dorf

Lesedauer: 6 Min
stellv. Redaktionsleiter

Bodnegg - Nicht nur in Großstädten gingen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 Schlägertrupps gegen jüdische Deutsche vor, misshandelten sie, verhafteten sie, randalierten in deren Wohnungen, Kaufhäusern, Synagogen und auf Friedhöfen. Solche Vorfälle gab es auch in der Provinz. Eine Geschichte aus Bodnegg.

Als der Lehrer Willy Schrempp, geboren 1902 in Baden-Baden, seine Frau Fredi, geborene Kahn, heiratete, hatte er sicher im Leben nicht damit gerechnet, durch die Liebe zu einer Katholikin einmal in die Fänge eines Unrechtsstaats zu geraten. Doch irgendwann begannen neue, schreckliche Zeiten. Seine Gattin war konvertierte Jüdin; aufgrund der NS-Rassengesetze galt Schrempp plötzlich als „jüdisch versippt“, wurde daher im Oktober 1937 aus dem Schuldienst entlassen. Und landete mit seiner Familie in Bodnegg.

Bereits 1931 hatte sich in der kleinen Gemeinde Bodnegg eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet. Willy Schrempp, nach seinem Rauswurf aus dem Schuldienst mittellos, konnte dort die Stelle des Organisten und Kirchenchorleiters ergattern, um seine Familie zu ernähren. Doch von Anfang an hatte er dort mächtige Gegner: Bodneggs Bürgermeister Anton Blaser und NS-Ortsgruppenleiter Wilhelm Keller.

Druck und Schikane

Diese Männer versuchten von Anfang an, den Aufenthalt einer – wie sie sich ausdrückten – „Judenfamilie“ in ihrem idyllisch gelegenen Dorf zu verhindern. Eine erste potenzielle Wohnungsvermieterin setzten sie unter Druck, bis sie ihr Angebot zurückzog. Gegen Kirchenmitglieder, die den Schrempps Unterkunft verschaffen und sie unterstützen wollten, gingen Blaser und Keller vor. Der Bürgermeister verbot zudem Fredi Schrempp bei der Bäckerei Stelzer zu arbeiten, in deren Haus die Familie schließlich unterkam.

Da die finanzielle Situation der Schrempps prekär war, blieb Vater Willy nichts anderes übrig, als zunächst Geld in der Landwirtschaft und später als Hilfsarbeiter in Ravensburg zu verdienen. Der Druck auf die zugezogene Familie erhöhte sich in Bodnegg indessen von Tag zu Tag: Fredi Schrempp durfte nur noch zu festgelegten Zeiten einkaufen, sie wurde verwarnt, weil sie einem Kind die Hand gegeben und die Wange gestreichelt hatte.

Das Radio der Familie konfiszierten die Bodnegger Nazis. Dorfbewohner, die Kontakte mit Familie Schrempp pflegten, wurden schikaniert und öffentlich als „Judenknechte“ verhöhnt. Das Haus, in dem Familie Schrempp lebte, wurde mit Scheiße beschmiert.

Im Juli 1938 forderte Bürgermeister Anton Blaser in einer Versammlung der NS-Ortsgruppe, „daß alle zur Verfügung stehenden Mittel angewendet müßten, um die Judenfamilie wieder aus der Gemeinde Bodnegg zu vertreiben. Es sei eine Schande, daß die Kinder von Bodnegg in der Schule neben einem Judenknaben (Willy und Fredi Schrempps Sohn, Anmerkung der Redaktion) Platz zu nehmen hätten“. Der NS-Kreisamtsleiter soll zudem die Bodnegger Jugend aufgefordert haben, „den Judenjungen bei jeder Gelegenheit anzuspucken, zu verprügeln und mit Steinen zu bewerfen“ (zitiert nach Gerichtsprotokollen, die im württembergischen Staatsarchiv lagern).

In der Reichspogromnacht, am 9. November 1938, zerschlugen örtliche Nazi-Anhänger die Scheiben des Gebäudes, in dem die Schrempps lebten; Bürgermeister Blaser wollte Mutter Fredi in sogenannte Schutzhaft nehmen lassen, was der örtliche Gendarmeriemeister Karl Rösch verweigerte. Rösch fiel in der Folgezeit immer wieder durch Ungehorsam auf – Ungehorsam gegenüber dem nationalsozialistischen Regime.

Die Familie Schrempp zog nach weiteren Belästigungen, Beschränkungen und anhaltender Bedrohung 1940 nach Amtzell. Willy Schrempp wurde als „jüdisch Versippter“ von der deutschen Wehrmacht nach wenigen Wochen Dienst ausgeschlossen, die Gestapo verhaftete ihn im November 1944 und brachte ihn in ein Arbeitslager. Seine Frau Fredi sollte im Februar 1945 ins Konzentrationslager Theresienstadt abtransportiert werden, was an ihrem Gesundheitszustand scheiterte. Sie versteckte sich bis zum Eintreffen der Alliierten und überlebte so den Krieg.

Mutter und Vater getötet

Ihre Mutter Fanny starb im französischen Konzentrationslager Gurs, ihr Vater im Internierungslager in Noé.

Der Bodnegger Bürgermeister, 1931 in die NSDAP eingetreten, Ortsgruppe Schussenried, wurde im Mai 1945 von den französischen Besatzern aus seinem Amt gejagt. Er kam kurzzeitig in Haft, versuchte aber in einer mehrjährigen bürokratischen Prozedur, sich von seiner Schuld reinzuwaschen. Es folgten Untersuchungen und mehrere Prozesse; im Juli 1949 stufte ihn die Tübinger Revisionskammer als „minderbelastet“ ein. 1951 erwirkte Blaser schließlich einen Gnadenerweis des Staatspräsidenten. Bereits ein Jahr später kandidierte er als Bürgermeister der Gemeinde Schussenried – und unterlag im zweiten Wahlgang.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen