Die Gründe für den „Stau aus dem Nichts“

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Deutsche Presse-Agentur

„58 Stunden pro Jahr pro Einwohner stehen die Deutschen im Stau“, hat Michael Schreckenberg ausgerechnet. Ein Stau kommt unerwartet und taucht dann nicht auf, wenn man mit ihm rechnet.

Ob im Straßenverkehr, im Tierreich, in Fußballstadien oder einfach dort wo viele Menschen zusammen sind: dieses Phänomen zu verstehen - daran arbeitet der Professor von der Universität Duisburg-Essen. Bei der 125. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte (19. bis 22. September) berichtete er in Tübingen mehreren hundert Interessierten von seinen Forschungsergebnissen.

„Alles Unglück des Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer sitzen können.“ Mit diesem Satz des Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) leitete Verkehrsphysiker Schreckenberg seinen Vortrag ein. Und tatsächlich, Stau ist keine Erscheinung der Neuzeit. Schon zur Zeit des Römischen Imperiums gab es Warnungen, zu bestimmten Zeiten nach Rom hineinzufahren.

Mit wachsender Automobilisierung wurde der Stau ein aktuelles Thema. Seine Ursachen lassen sich gliedern in Offensichtliches wie Unfälle oder Baustellen und auf den ersten Blick Unerklärliches. Zu letzterem zählt der berühmte „Stau aus dem Nichts“.

Diese Art von Stau hat Schreckenberg mit Hilfe seiner Rechenmodelle und Simulationen inzwischen gut verstanden: „Bei dichter werdendem Verkehr entwickelt sich zuerst zähfließender Verkehr. Eine Art Synchronisation zwischen den Spuren setzt ein. Ab 1500 bis 1800 Fahrzeugen pro Stunde und Spur wird der Verkehr dann instabil. Kommt es nun durch Unaufmerksamkeit, Überreaktionen und Spurwechseln zu weiteren Abbremsmanövern, ja sogar zu Stillstand, so entsteht eine Stauwelle, die sich rückwärts über die Straße bewegt.“

Ein wesentlicher Faktor bei der Stauentstehung ist die Interaktion zwischen Mensch und Maschine: „Beim Anfahren werden rund zwei Sekunden Zeit pro Fahrzeug verloren“ weiß der Wissenschaftler. Fährt in dieser Zeit mehr als ein Auto an das Stauende, wird der Stau immer länger. Dies setze sich wellenförmig nach hinten fort, auch wenn an der Stauspitze die Autos längst wieder fahren. So begegne einem dann auf freier Strecke eine solche Stauwelle und es entstehe der Eindruck des „Staus aus dem Nichts“.

Bei der Bewältigung eines Staus spielt laut Schreckenberg auch die Psychologie des Fahrers eine große Rolle: „Wir unterscheiden zwischen verschiedenen Typen von Fahrern. Da ist der Sensible, der einen Stau schon umfährt, wenn er noch 50 Kilometer davor ist oder der Taktierer, der direkt in den Stau mit der Idee fährt, dass, wenn alle das Hindernis umfahren, ja kein Stau mehr da sei. Dann gibt es noch den Unsensiblen, der sowieso nicht an Stauprognosen glaubt und der Stoiker, der immer exakt die gleiche Strecke fährt, unabhängig von der Stauprognose.“

Die Stauprognose ist so etwas wie die Wettervorhersage der Verkehrsforscher. „Auch wir machen eine Mittelfristprognose. Da fließen dann nicht nur Baustellen in die Berechnung ein, sondern auch ob Ferien sind oder ob Borussia Dortmund gegen den FC Bayern spielt.“ Verkehrsprognosen seien im übrigen auch mit die skurrilsten Prognosen, da sie sich selbst zerstören können: „Prognostizieren wir einen Stau, fährt keiner hin und er entsteht auch nicht!“

Zu Navigationsgeräten sagt Schreckenberg: „Man sollte sie wie eine elektronische Landkarte benutzen um von A nach B zu kommen, aber viele Leute sind den Geräten schon geradezu hörig.“ Steht man doch mal im Stau oder kurz davor, rät Michael Schreckenberg vor allem eines: Bloß nicht auf Nebenstraßen umfahren. Seine Untersuchungen haben gezeigt, dass man für eine Umfahrung deutlich länger braucht als durch den Stau hindurch. Aber: Der Fahrer fühlt sich immerhin etwas besser, weil man ja nicht stand, sondern dauernd fahren konnte.

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