„Die Feier zum 85sten lieber verschieben“

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Dr. Wolfgang Heinz ist Chefarzt in der Helios-Klinik Rottweil.
Dr. Wolfgang Heinz ist Chefarzt in der Helios-Klinik Rottweil. (Foto: Kai Loges / die arge lola)
Schwäbische Zeitung

Rottweil (pm) - Dr. Wolfgang Heinz ist seit Anfang Februar Chefarzt in der Helios-Klinik Rottweil. Der Gastroenterologe diagnostiziert und behandelt Patienten mit Bauchbeschwerden. Derzeit ist sein Fachwissen aber noch in ganz anderer Weise begehrt: Heinz ist mit der Zusatzbezeichnung „Infektiologie“ auch ein Experte in puncto Infektionskrankheiten. In einer Pressemitteilung der Helios Klinik (gekürzt) erläutert er im Interview, wie das Krankenhaus auf Corona reagiert und was jeder Einzelne tun kann.

Herr Dr. Heinz, im Rottweiler Krankenhaus gibt es jetzt neue Besuchsregeln – weniger Besuch, Menschen mit Erkältungskrankheiten sollen gar nicht mehr kommen. Ist das denn wirklich nötig?

Auf jeden Fall. Wir verfolgen mit dieser Maßnahme das Ziel, unsere Patienten zu schützen. Bei jungen, gesunden Menschen verläuft eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) in den allermeisten Fällen wie eine banale „Erkältung“. Menschen mit Vorerkrankungen oder vorgeschädigten Organen hingegen haben ein sehr viel höheres Risiko, dass eine COVID-19-Infektion bei ihnen schwer verläuft.

Was heißt in diesem Fall „schwer“?

Es können lebensbedrohliche Komplikationen auftreten, die einer intensivmedizinischen Betreuung bedürfen. Die Patienten, die stationär bei uns im Krankenhaus behandelt werden, sind daher besonders gefährdet. Es liegt in unserer Verantwortung, sie zu schützen. Deshalb müssen wir Vorkehrungen treffen, die das Risiko einer Viruseinschleppung ins Krankenhaus reduzieren.

Dürfen deshalb zu Isolierpatienten, etwa mit Influenza, nur noch zwei Personen pro Tag zu Besuch kommen?

Das wiederum hat andere Gründe. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Corona-Ausbreitung weiter voranschreitet und wir über einen längeren Zeitraum Patienten mit dieser Erkrankung behandeln müssen – zusätzlich zu den anderen isolierpflichtigen Infektionskrankheiten. Dazu benötigen alle, die die Patienten behandeln und versorgen, die entsprechende Schutzkleidung: Maske, Handschuhe, Schutzkittel usw. Jeder Besucher eines Isolierpatienten muss diese Schutzkleidung ebenfalls anlegen, und das bedeutet ein Set verbrauchter Schutzkleidung pro Besucher. Durch die zahlenmäßige Begrenzung der Besuche bei isolierten Patienten möchten wir vorsorglich unsere Ressourcen schützen. Dann sind wir auch gut aufgestellt, falls die Zahl schwerer erkrankter Covid-19-Patienten zunimmt.

Es heißt, dass ältere Menschen momentan besser die Öffentlichkeit meiden sollten und lieber zuhause bleiben. Warum?

Inzwischen zeichnet sich doch ab, dass es Altersgruppen gibt, die ein deutlich höheres Sterberisiko bei einer Covid-19-Infektion haben. So ab dem 65. Lebensjahr nimmt der Anteil schwerer Verläufe messbar zu. Deshalb ist es extrem wichtig, die älteren Menschen auf allen möglichen Kanälen gut zu informieren. Dann kann jeder überlegen, welche Maßnahmen für ihn persönlich klug sind, um das Ansteckungsrisiko zu reduzieren.

Wie könnten solche Maßnahmen für Personen ab 65 Jahren aussehen?

Das könnte etwa heißen, dass die Enkel aus der Kita oder Schule ihre Großeltern für eine gewisse Zeit nicht mehr besuchen, um das Ansteckungs-Risiko zu minimieren. Oder dass man eine groß angelegte Geburtstagsfeier zum 85. lieber nachfeiert – um nur zwei Beispiele zu nennen. Eigeninitiative zum Selbstschutz ist wichtig! Wir wollen informieren, damit dann jeder individuell bei sich schaut, was zu tun ist.

Was lässt sich gegen das Coronavirus denn medizinisch machen, wie werden die Patienten behandelt?

Das Problem mit dem neuartigen Coronavirus im Vergleich zu Influenzaviren besteht darin, dass man gegen dieses Virus aktuell nicht impfen kann. Außerdem gibt es bis jetzt auch noch keine nachweislich wirksamen Medikamente, die den Krankheitsverlauf beeinflussen. Wir müssen dieses Virus also alleine mit unserem Immunsystem bezwingen. Erschwerend kommt hinzu, dass dieses Virus für unsere Abwehr neu ist und keinerlei Grundimmunisierung durch vorangegangene Infektionen (oder Impfungen) mit ähnlichen Viren vorhanden ist. Deshalb müssen wir alles tun, um unser Immunsystem fit zu halten und damit die körpereigenen Abwehrkräfte zu stärken.

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